Ein Softwarekonzept für ununterbrochenes Commoning (Teile 1-4)

Ein Softwarekonzept für ununterbrochenes Commoning

Erster Teil

Erstes Vorwort

Wie kann Commoning gesellschaftlich bestimmend werden? Über eine Auseinandersetzung mit „ Kapitalismus aufheben (Sutterlütti/Meretz) wurde im „ Ausdehnungsdrang moderner Commons als Grundvoraussetzung dafür auf die Entwicklung einer „zentralen Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung der Mittel“ geschlossen, welche von hier ab als „Software für ununterbrochenes Commoning“ bezeichnet wird. Damit diese Möglichkeit realisiert werden kann, soll sich dieser Software jetzt schrittweise angenähert werden. Die Reihe richtet sich dabei vorrangig an Entwickler*innen und soll nicht nur das Programm umreißen, sondern auch den theoretischen Hintergrund verständlich machen, auf welchen sich die einzelnen Softwareelemente beziehen. Das Projekt wurde maßgeblich durch den Entwickler Robert angestoßen, welcher bereits die Freie Software „grouprise“ mitgegründet hat.

In diesem ersten Teil wird zuerst Vorwissen als FAQ zusammengefasst, welches den grundsätzlichen Sinn und Zweck des Projektes aufzeigen soll, wobei auch verwendete Begriffe von „Mittel“ bis „Commoning“ knapp definiert werden. Im zweiten Kapitel wird ein Modell zur direkten Bedürfnisbefriedigung aus vier Phasen vorgestellt, um strukturell zu verdeutlichen, wie durch Commoning Bedürfnisse befriedigt und wie Mittel hierfür angewendet werden. Von diesem Modell aus haben wir auf die Grundstruktur der Software geschlossen, welche im dritten Kapitel dargestellt wird.

Durch den Essay The Timeless Way of Re-Production wurde die Struktur der Software nahezu vollständig erschlossen. In erster Linie konkretisiert und verbildlicht diese Textreihe die dort gewonnen Erkenntnisse. Der Essay enthält außerdem ein Register, in welchem unbekannte Begriffe nachgeschlagen werden können.

Vorwissen

Worum geht es? Um nichts anderes, als eine alternative Vermittlungsform zum heute bestimmenden Geld anzubieten. Diese Vermittlungsform soll einerseits dessen Vorzüge beibehalten und erweitern, anderseits dessen zerstörerische Auswirkungen aufheben. Der Vorteil von Geld ist, dass darüber einzelne Tätigkeiten miteinander in Beziehung gesetzt werden, die sowohl räumlich als auch zeitlich voneinander getrennt sind – die Arbeit einer Kinderpflegerin aus Deutschland kann etwa mit der Arbeit einer Architektin aus Japan gleichgesetzt werden. Geld ist dabei ein Mittel zur Herstellung und Erhaltung einer Gesellschaft, welche auf die Notwendigkeit direkter Befehlsgewalt von einzelnen Menschen über andere verzichten kann. Da in der Vermittlung über Geld allerdings auf gesamtgesellschaftlicher Ebene jedes Ding – der menschlichen Arbeitskraft eingeschlossen – auf eine einzige Zahl (den jeweiligen Geldbetrag) reduziert wird und durch diese Reduzierung auf eine Zahl eine Eigendynamik entsteht, welche sich der menschlichen Kontrolle entzieht, ist diese Vermittlungsform in gewisser Weise primitiv. Wie aus dieser „primitiven“ Vermittlungsform dann allerdings die zerstörerischen Auswirkungen von niemals endender Arbeit bis zur Klimakrise befeuernden, notwendigen Umweltzerstörung durch den Konkurrenzkampf entstehen, soll hier nicht näher ausgeführt werden und ist in in diversen Einführungen zur kapitalistischen Produktionsweise besser aufgehoben (siehe etwa Meindel/Heinrich).

Warum wurde nicht früher an einer solchen alternativen Vermittlungsform zum Geld gearbeitet? Die dem Softwarekonzept zugrunde liegende These ist, dass erst mit der Entwicklung und Verbreitung des Internets überhaupt eine Möglichkeit denkbar geworden ist, wie Menschen weltweit in einem ununterbrochenem Prozess ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen nach miteinander kooperieren können. Durch die Software soll diese Vermittlungsform ermöglicht und damit der Aufbau einer solchen Gesellschaft unterstützt werden.

Wie wird der Begriff „Commoning“ hier verwendet? Silke Helfrich und David Bollier – deren Arbeit eine wichtige Grundlage für diese Textreihe ist – beschreiben Commoning als ein Zusammenspiel, eine Triade , von „sorgendem und selbstbestimmten Wirtschaften“, „sozialem Miteinander“ und „Selbstorganisation von Gleichrangigen“ (Frei, Fair, Lebendig, 94). Für die Autoren ist Commoning damit eine bestimmte „Lebensweise“ (vgl. ebd. 97). In diesem Konzept wird Commoning auf die Struktur der Herstellung und Erhaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen nach Commoning-Prinzipien reduziert und von den sozialen Prozessen selbst weitgehend abgesehen. Commoning wird somit als freiwillige und selbstorganisierte Tätigkeit in Kooperation zur direkten Befriedigung von Bedürfnissen verstanden.

Welche Art der Vermittlung soll durch das Programm unterstützt werden? Im Gegensatz zur Vermittlung von Information von einer Person zu anderen bestimmten Personen (interpersonale Ebene), soll die Informationsvermittlung von einer Person zu nicht-bestimmten Personen (transpersonale Ebene) unterstützt werden (Näher zu den Begriffen inter- und transpersonal: Kapitalismus aufheben, S. 24). Das heißt etwa, dass ich nicht meinen direkten Nachbarn bitte etwas für mich zu tun, sondern die Information, was es für mich zu tun gibt, in der Software einspeise und andere sich schließlich mit ihren jeweiligen Fähigkeiten dieser Aufgabe annehmen können. Damit auch Prozesse ermöglicht werden, welche Arbeitsteilung voraussetzen, muss die gesellschaftliche Kooperationsstruktur durchsichtig gemacht werden. Damit schließlich für die jeweiligen Tätigkeiten auch nicht-eigene Räume, Werkzeug, Materialien, etc. verwendet werden können, braucht die Software Zugriff auf die Meta-Daten hierfür zur Verfügung stehender Mittel – also Informationen über deren Nutzen, ihre Lokalität, die Menge, den Zustand, eventuelle Nutzungsbedingungen usw.

Von welcher Art von Mitteln ist hier die Rede? Wenn hier von „Mitteln“ die Rede ist, sind sowohl gegenständliche, soziale und symbolische Mittel gemeint (Die Unterscheidung der Mittel folgt Meretz/Sutterlütti, Kapitalismus aufheben , S. 138). Gegenständliches Mittel ist dabei alles, das sich anfassen lässt, wie Produktionsmittel (Rohstoffe, Maschinen, etc.), Grund und Boden, Wohnraum, Spielzeug, usw. Symbolische Mittel sind alle Formen von Wissens- und Kulturinhalten, die prinzipiell beliebig vervielfältigt werden können, wie der Inhalt von Büchern und Internetseiten oder Anleitungen für die Herstellung bestimmter Produktionsmittel und Medikamente. Soziale Mittel schließlich sind sämtliche soziale Formen, die Menschen zur vorsorgenden Herstellung ihrer Lebensbedingungen schaffen – Arbeitsorganisationen, Entscheidungsstrukturen, Konfliktlösungsformen, etc.

W enn im Commoning, der „Selbstorganisation von Gleichrangigen“, keine einzelnen Personen bzw. Gruppen über die Verwendung von Mittel n bestimmen, wie werden sie dann organisiert? Für den Prozess des Commonings selbst ist es irrelevant, ob ein Mittel unter einer Form der kollektiven Verfügung steht, also von potentiell jeder bzw. jedem Beteiligten verwendet werden kann, oder ob das Mittel Privateigentum ist und damit den Nutzungsbedingungen des Eigentümers bzw. der Eigentümerin unterliegt. Wesentlich ist, dass die Mittel samt ihren Meta-Daten und Nutzungsbedingungen einsichtig sind und sie damit einzelnen Tätigkeiten innerhalb von Commoning-Prozessen zugeordnet werden können. Über die Transparenz innerhalb der Software soll auch eine Diskussion über die Verwendung der Mittel ermöglicht werden.

Was sind die Bedingungen bei gegenständlichen Mitteln in die se r Form der Organisation? Dasselbe gegenständliche Mittel, welches für Commoning eingeschränkt oder uneingeschränkt zur Verfügung steht, darf nicht zur selben Zeit verschiedenen Prozessen zugeordnet sein. Um Nutzungskonflikte zu vermeiden und Diskussionen über die Verwendung von Mitteln zu ermöglichen, muss daher bei einer geteilten Mittel-Datenbank die Zuordnung allgemeingültig sein. Generell gilt, dass Commoning umso effizienter sein kann, je mehr Mittel-Datenbanken über die Software angesprochen und in Verbindung gesetzt werden können.

Und warum „ununterbrochenes“ Commoning? Wie auch in der kapitalistischen Produktion dieselben Produkte der eigenen Tätigkeit zu verschiedenen Zwecken weiterverwendet werden können, kann in dieser Form des Commonings eine Tätigkeit über einen speziellen Prozess der Bedürfnisbefriedigung hinausgehen und Teil mehrerer unterschiedlicher Bedürfnisbefriedigungsprozesse werden. Was weiter daraus entstehen kann, ist eine ineinander verwobene Struktur von Tätigkeiten nach Commoning-Prinzipien, in welcher ununterbrochen Bedürfnisse befriedigt werden.

Ist es für Personen, die heute 30-, 40-, 50- Stunden jede Woche arbeiten müssen, überhaupt sinnvoll sich in einer Commoning-Struktur einzubringen? Damit im Commoning Bedürfnisse effizient befriedigt werden können, braucht es ausgebaute Strukturen und eine an dieser Stelle nicht bestimmbare Menge an Mitteln – einschließlich etwa Wohnhäusern etc. - welche zur direkten Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stehen. Da das gegenwärtig nicht gegeben ist, ist das Einbringen in das Commoning für Lohnabhängige tendenziell nur begrenzt sinnvoll – in Zeiten der Arbeitslosigkeit etwa. Je effizienter dagegen Commoning wird, desto sinnvoller wird Commoning gegenüber der Lohnarbeit. Wieder soll hier nicht die kapitalistische Dynamik ausgeführt werden und warum etwa die Arbeit selbst immer monotoner und trotz technischen Fortschritts nie wesentlich weniger wird. Nur soviel soll gesagt werden, dass eine Produzentin in einem kapitalistisch organisierten Unternehmen niemals den Wert erhält, den sie erarbeitet – das kann etwa bedeuten, dass eine angestellte Tischlerin fünf Tische anfertigen muss, um sich einen davon leisten zu können. Die einfachen Gründe hierfür sind natürlich einerseits die Kosten für Produktionsmittel, anderseits aber, dass der „Profit“ eines Unternehmens nur aus dieser nicht bezahlte Arbeit gewonnen wird. Mit Lohnarbeit geht somit immer eine Form der Enteignung einher, welche über das Privateigentum legitimiert ist. (Ein nähere Auseinandersetzung mit der Frage findet im Ausdehnungsdrang moderner Commons statt)

Das heißt, im Commoning bekommt jede Person genau das zurück, was sie geleistet hat? Im softwarevermittelten Commoning gibt es eine Kopplung von Geben und Nehmen, durch welche die Beteiligung am Commoning ein individueller Vorteil werden kann (→ Beteiligung und individueller Vorteil). Durch die Einbettung in die Vermittlungsstruktur des Commonings unterscheidet sich diese Kopplung wesentlich von Geld (→ Unterschied von Geld und Trava).

Und Commoning soll entsprechend vollständig über die Software geregelt werden? Die zu entwickelnde Software ist ein Werkzeug um Commoning zu betreiben, aber – wenn den Erkenntnissen aus dem Ausdehnungsdrang moderner Commons vertraut werden darf – das notwendige Werkzeug, um Selbstorganisation auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu ermöglichen. Bestehende Commons können, wenn es für die daran Beteiligten sinnvoll erscheint, sich in die Struktur integrieren, genauso wie durch die Softwarevermittlung selbst Commons entstehen können, deren Kooperation nicht von der Software bestimmt wird. Commoning selbst allerdings – sowohl als Lebens- als auch als Vermittlungsform – ist von der Software natürlich unabhängig.

Die Phasen der direkten Bedürfnisbefriedigung

Folgend wird die Einordnung von Commoning in den Prozess zwischen der Einsicht in ein eigenes Bedürfnis bis zur Befriedigung desselben durch andere Personen dargestellt. Ein Bedarf entsteht dabei immer nur, wenn ein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung notwendig wird. Zur erleichterten Lesbarkeit wird folgend „Bedürfnis bzw. Bedarf“ mit „Bedürfnis*“ und „Befriedigung bzw. Deckung“ mit „Befriedigung*“ abgekürzt.

A. [ Einsicht und Analyse ] Eine Person macht sich ein Bedürfnis bewusst ( B- ) oder erkennt einen Bedarf an Mitteln ( M- ), welcher für die erfolgreiche Beendigung eines Commoning-Prozesses notwendig ist. Ein Bedarf, der für eine bestimmte Bedürfnisbefriedigung notwendig ist, kann dabei auch über die Software erkannt und vermittelt werden.

B. [ Vermittlung ] Vermittlung des Bedürfnisses* auf interpersonaler oder transpersonaler Ebene zum Zweck ihrer Befriedigung* durch andere. Interpersonale Vermittlung ist dabei abhängig von Personen, Mitteln und Strukturen, welche der Person, welche das Bedürfnis* vermittelt, bekannt sind. Transpersonale Vermittlung ist abhängig von den ihr bekannten Medien, über welche potentiell verfügbare Mittel, anstehende Bedürfnisse* und die Strukturen zu ihrer Befriedigung* kommuniziert und aktualisiert werden.

C. [ Commoning ] Für die Software sind nicht alle Aspekte des Commonings relevant und werden hier nicht ausgeführt. Für die Software relevant ist, dass Commoning immer Tätigkeit in einem gesellschaftlichen Prozess ist , deren Kooperation auf Augenhöhe selbst organisiert wird und in welchem Regeln und Nutzungsbe dingungen (von Mitteln) kollektiv durch die Beteiligten bzw. Betroffenen bestimmt werden.

D. [ Beendigung ] Der Commoning-Prozess zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses ist abgeschlossen, sobald die Person, welche das Bedürfnis vermittelt hat, dieses Bedürfnis als befriedigt ansieht ( B+ ). Ein zur Beendigung eines Commoning-Prozesses notwendiger Bedarf ist gedeckt, sobald die Person, welche das hergestellte/ erhaltene/ (orts-)veränderte Mittel verwendet, diesen Bedarf als gedeckt ansieht ( M+ ).

Grundstruktur der Software

Auf Grundlage des Phasenmodells soll das nachfolgende Diagramm zeigen, wie die verwendeten Begriffe (bzw. Klassen) auf Softwareebene miteinander in Verbindung stehen. Ausgangspunkt ist dabei die Person, welche Bedürfnisse (B-) vermittelt. Anhand des Bedürfnisses werden über die Software Tätigkeiten vorgeschlagen, welche allesamt verschiedene Möglichkeiten zur Befriedigung dieses Bedürfnisses sind – wie das funktioniert, wird in den folgenden Teilen der Textreihe dargestellt (→ Tätigkeitsmuster ). Jede Tätigkeit ist eine menschliche Tätigkeit, ist also abhängig davon, dass sich Personen ihnen zuordnen, welche die dafür notwendigen Fähigkeiten besitzen. Je nach Fähigkeiten hat jede Person verschiedene Möglichkeiten der Selbstzuordnung. Generell sind die Bedürfnisse, welche eine Person vermittelt und die Tätigkeiten, welchen eine Person sich zuordnen kann, unabhängig voneinander.

Generell hat jede Tätigkeit einen Bedarf an Mitteln (M-). In dem Fall, dass diese Mittel lokal verfügbar sind, können diese der Tätigkeit zugeordnet werden. In dem Fall, dass ein Bedürfnis nicht direkt über eine Tätigkeit befriedigt wird (also keine „Dienstleistung“ ist), wird ein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung verwendet. In dem Fall, dass das für eine Tätigkeit notwendige Mittel nicht verfügbar ist, werden über die Software wieder Tätigkeiten vorgeschlagen, welche allesamt Möglichkeiten zur Deckung dieses Bedarfes sind.

Eine Tätigkeit, welche ein Bedürfnis nicht direkt befriedigt, dient immer der Herstellung, Erhaltung oder (Orts-)Veränderung eines Mittels. Jede dieser möglichen Tätigkeiten hat dabei wieder einen Anspruch an bestimmten Fähigkeiten und einen Bedarf an Mitteln. Falls die Mittel nicht verfügbar sind, werden über die Software wieder Möglichkeiten zur Deckung vorschlagen usw. Über diese Herstellung, Erhaltung und (Orts-)Veränderung von für die Bedürfnisbefriedigung notwendigen Mitteln, können eine Reihe von in Zusammenhang stehende Tätigkeiten entstehen, welchen sich verschiedene, potentiell einander unbekannte Personen zugeordnet haben.

Im Verlauf der Textreihe werden einzelne Momente der Struktur noch wesentlich ausführlicher behandelt werden.

 

Zweiter Teil

Zweites Vorwort

Es gilt weiter eine konkrete Möglichkeit herauszuarbeiten, wie Vermittlungsformen einer Gesellschaft nach Bedürfnissen und Fähigkeiten mit dem Stand der heutigen Mittel gedacht und realisiert werden können. Vorausgesetzt hierbei ist, dass es sich bei den Gesellschaftsteilnehmern um Gleichrangige („Peers“) handelt und eine herrschaftliche Planungsinstanz ausgeschlossen wird. Nachdem im ersten Teil der Reihe die Struktur eines vermittelten Bedürfnisses bis zu seiner Befriedigung umrissen wurde, soll der Prozess des Commonings hier näher betrachtet werden. Der Fokus liegt dabei auf komplexen Prozessen, also solchen, die Kooperation voraussetzen.

Kooperation – die gemeinsame Tätigkeit zu einem bestimmten Zweck – ist Teil jeder Gesellschaftsform, darin aber verschieden begrenzt und organisiert. Wieder ein kurzer Rückgriff auf die kapitalistische Produktionsweise, um Commoning, wie es in diesem Softwarekonzept verstanden wird, besser greifen zu können: Ein kapitalistisches Unternehmen ist generell in einzelne Abteilungen gegliedert, welchen jeweils eine Geldmenge zur Verfügung gestellt wird, durch welche Mitarbeiterinnen bezahlt und die notwendigen Mittel (Technik, Material, etc.) gekauft werden. Diese Abteilungen sind meist hierarchisch durch Abteilungsleiter, Vorarbeiter, etc. organisiert, während es meist auch notwendig ist, dass sich Mitarbeiterinnen untereinander absprechen und organisieren, um das gemeinsame Abteilungsziel zu erreichen. Die Abteilungen eines Unternehmens selbst stehen wieder in einem ähnlichen, meist hierarchisch organisierten, Kooperationszusammenhang und wirken zusammen, um ein gemeinsam geschaffenes Produkt bzw. eine Dienstleistung am Markt anbieten zu können. Dieses Produkt bzw. diese Dienstleistung muss mindestens kostendeckend verkauft werden, damit von diesem Geld die für die weitere Produktion notwendigen Mittel gekauft und die Mitarbeiter*innen bezahlt werden können. Für Unternehmer und Investoren ist der Zweck des Unternehmens allerdings nicht diese Kostendeckung, sondern der Profit – also der Verkaufsteil des Produktes, welcher nicht zur Kostendeckung angewendet werden muss. Je höher dieser Profit schließlich im Verhältnis zu den aufgewendeten Kosten ist, desto effizienter ist das Unternehmen im Sinne der Geldverwertung. Ob das am Markt verkaufte Produkt dann von dem Käufer konsumiert wird oder ob es in der Kooperationsstruktur eines anderen Unternehmens angewendet bzw. weiterverarbeitet wird, braucht das Unternehmen, welches es verkauft hat, selbst nicht mehr zu interessieren. Da sich allerdings in dieser Sphäre des Marktes (und der damit einhergehenden Konkurrenz) die kapitalistische Dynamik entfaltet, ist es keineswegs irrelevant, dass die Kooperation von in Unternehmen organisierten Personengruppen am Markt endet und es damit keine gesamtgesellschaftliche Kooperation zur Herstellung und Erhaltung der gemeinsamen Lebensbedingungen gibt.

Commoning, wie es in diesem Softwarekonzept verstanden wird, ist dagegen eine un unterbrochene gesellschaftliche Kooperation zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Jedes (Zwischen-) Resultat im Commoning hat einen klaren Adressaten und wird überhaupt nur erzeugt, weil es ein vermitteltes Bedürfnis gibt, welches befriedigt werden soll. Weil damit Re-Produktionsprozesse allerdings auch erst begonnen werden, sobald ein Bedürfnis (vorsorgend) vermittelt wird, ist Commoning auch problematisch. Aus der Logik des Commonings heraus gibt es keine Warenhäuser und damit auch keine Möglichkeit, Bedürfnisse kurzfristig zu befriedigen, wenn dies die Tätigkeit von anderen Personen voraussetzt. Problematischerweise kommt noch hinzu, dass eine Bedürfnisbefriedigung mitunter enorm zeitaufwendig sein kann: Nicht nur das Bedürfnis selbst muss befriedigt, sondern auch jedes einzelne dafür notwendige Mittel muss womöglich erst hergestellt bzw. (orts-)verändert werden. Unter Formen der offenen Verfügung von Mitteln ist das zwar nicht immer notwendig, da potentiell sämtliche vorhandene Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen verwendet werden können, aber trotzdem wird kein Weg daran vorbeiführen, dass neue Lösungen gefunden werden müssen, wie Commoning im Sinne der Bedürfnisbefriedigung effizienter werden kann. Zumindest nicht, wenn es unser erklärtes Ziel ist, Commoning als gesellschaftlich-bestimmende Re-Produktionsweise zu etablieren.

Sämtliche Icons des zweiten Teils entstammen dem noun-project (thenounproject.com) und unterliegen einer Creative Commons Namensnennung Lizenz (CC-BY). Verwendet wurden „linen“ von Rineesh und „wooden frame“ von Tomek Woloszyn.

Commoning-Prozesse

Commoning hat immer den Zweck einer direkten Befriedigung von Bedürfnissen. Weiterhin wird hier von den sozialen Prozessen abstrahiert und Commoning als (1) Tätigkeit im gesellschaftlichen Prozess, (2) Selbstorganisation auf Augenhöhe und (3) kollektive Bestimmung von von (lokalen) Regeln und Nutzungsbedingungen verstanden. Zur vereinfachten Lesbarkeit wird auch weiterhin „Bedürfnis bzw. Bedarf“ mit „Bedürfnis“ und „Befriedigung bzw. Deckung“ mit „Befriedigung*“ abgekürzt.*

Ein Commoning-Prozess zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses wird immer über eine konkrete Tätigkeit abgeschlossen. Diese den Commoning-Prozess abschließende Tätigkeit kann entweder die Herstellung eines Mittels sein (vermittelte Bedürfnisbefriedigung) oder auch unvermittelt das Bedürfnis befriedigen („Dienstleistung“). Im Regelfall ist dabei jede Tätigkeit abhängig von der Verfügbarkeit bestimmter Mittel – unabhängig ob diese gegenständlicher, sozialer oder symbolischer Natur sind. Können die für die Tätigkeit notwendigen Mittel nicht selbst organisiert werden, kann ein Bedarf danach vermittelt werden. Dieser Bedarf kann wiederum durch eine andere Tätigkeit gedeckt werden, welche ebenfalls wieder bestimmte Mittel benötigt und von welcher aus damit wieder Bedarf vermittelt werden kann usw. Wird also über eine Tätigkeit kein Bedürfnis direkt befriedigt, hat sie immer den Zweck der Herstellung, Erhaltung oder (Orts-)Veränderung von Mitteln, welche zu einer Bedürfnisbefriedigung notwendig sind.

Abbildung: T1 eine mögliche Tätigkeit, um ein Bedürfnis (B-) zu befriedigen. Würde es sich um eine Bedürfnisbefriedigung handeln, welche über ein Mittel erreicht wird, würde das Bedürfnis direkt auf dieses Mittel (B- → M-) verweisen und Tätigkeit T1 sich auf dieses Mittel beziehen. Von der Tätigkeit 1 ausgehend wird ein Bedarf (a) nach einem Mittel (M1a-) vermittelt. T1a1 ist eine mögliche Tätigkeit, um den Bedarf (M1a) zu decken. Nachdem das Mittel hergestellt wurde (M1a+), kann es für die abschließende Tätigkeit (T1) verwendet werden und das anstehende Bedürfnis kann unvermittelt (B+) bzw. vermittelt (M+ → B+) befriedigt werden.

In diesem Moment der Argumentation wird angenommen, dass noch keine Person Erfahrung hat, wie einzelne Tätigkeiten funktionieren und die verschiedenen möglichen Tätigkeiten zur Befriedigung* eines Bedürfnisses* immer wieder neu erschlossen werden müssen. Die Realität ist selbstverständlich eine andere und im weiteren Verlauf dieser Konzeption werden auch Möglichkeiten in den Vordergrund gestellt, wie diese Erfahrungen geteilt werden können. Diese Vorgehensweise ist allerdings notwendig, um die Logik des Commonings, mit all den Problemen, welche es mit sich bringt, zu erschließen. Die folgende Darstellung eines Commoning-Prozesses gilt dabei für jede Form (interpersonal/transpersonal) der Vermittlung.

Der allgemeine Ablauf zur Erschließung einer neuen Tätigkeit: Eine Person bekommt ein Bedürfnis* vermittelt und entschließt sich, sich diesem anzunehmen. Die Person überlegt sich eine Möglichkeit, wie sie dieses Bedürfnis* befriedigen* kann. Nachdem sie eine Möglichkeit für sich gefunden hat, überlegt sie, welche Mittel sie für den Prozess der Bedürfnisbefriedigung* benötigt. Die Person überprüft, welche notwendigen Mittel sie selbst besorgen kann und welche nicht. Die Bedarfe (notwendigen Mittel), welche sie nicht selbst decken kann, vermittelt sie an andere. Sobald die Mittel für diese Person verfügbar werden, d.h. der Bedarf durch andere gedeckt wurde, kann sie tätig werden und ihrer Planung nach das Bedürfnis* befriedigen*.

Zur Befriedigung* eines bestimmten Bedürfnisses* kann es immer mehrere mögliche Tätigkeiten geben. Um den Fokus auf die innere Logik eines Commoning-Prozesses zu richten, wird das nicht an einem gegenwärtigen Beispiel verdeutlicht, sondern auf die Produktion eines Mittels zurückgegriffen, welches Marx in seiner Wertformanalyse verwendet hat: Die 20 Ellen Leinwand. Da Leinwand (das Gewebe) alleine aber selten ein Bedürfnis befriedigt, werden diese als Bedarf zu einem Bedürfnis nach auf Keilrahmen gespannten Leinwänden betrachtet. Die auf Keilrahmen gespannten Leinwände können so zur Befriedigung eines Bedürfnisses nach künstlerischer Auslebung beitragen. Ob dieses Bedürfnis schließlich von einer einzigen oder unterschiedlichen Personen in lokaler Nähe vermittelt wurde, ist an dieser Stelle irrelevant. Weiter werden auch nicht sämtliche mögliche Commoning-Prozesse angeführt – also in Zusammenhang stehende Tätigkeiten zum Zweck der Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses -, sondern nur ein kleinerer Ausschnitt davon.

Die erste Möglichkeit, wie das notwendige Mittel „Leinwand“ zur Befriedigung des vermittelten Bedürfnisses zu den Personen geraten kann, welche das Bedürfnis vermittelt haben, ist eine schlichte Ortsveränderung bestehender Leinwände durch einen PKW (T1). Die Bedingung hierfür ist selbstverständlich, dass (a) solche Leinwände, (b) ein PKW und (c ) auch Treibstoff zur Verfügung stehen.

Die zweite mögliche Tätigkeit (T2) kann die Produktion einer solchen Leinwand in Handarbeit sein. Der Bedarf dafür wäre: (a) ein Handtacker, (b) Leinengewebe, (c ) Keilrahmen, (d) Tackerklammern. Das Leinengewebe selbst kann wieder entweder über Ortsveränderung besorgt (T2b1) oder neu hergestellt werden (T2b2). Die Ortsveränderung T2b1 hat dabei denselben Bedarf wie T1, wenn auch mit der Bedingung, dass Leinengewebe statt Leinwände zur Verfügung stehen. Die Herstellung des Leinengewebes (T2b2) benötigt (a) einen unbespannten Webstuhl, (b) einen Scherbaum, (c ) Leinengarn und (d) Patronenpapier. Von hier ab weiter zu dem Bedarf an Keilrahmen (T2c): Der Bedarf kann wieder über Ortsveränderung des Mittels gedeckt werden (T2c1), wobei im Unterschied zu T1 und T2c1 selbstverständlich Keilrahmen statt Leinwand bzw. Leinengewebe benötigt werden. Der Bedarf kann weiter darüber gedeckt werden, dass Keilrahmen aus nicht mehr benötigten, aber bereits verbrauchten Leinwänden gelöst werden (T2c2) – was einen Bedarf nach (a) nicht mehr benötigten Leinwänden hervorbringt. Schließlich kann der Bedarf nach Keilrahmen natürlich auch über deren Produktion gedeckt werden (T2c3) – der Bedarf wäre in etwa: (a) eine Winkelsäge, (b) Holzleisten und (c ) Nägel.

Anmerkung: Ein notwendiges Mittel für die meisten Tätigkeiten ist ein entsprechender „Raum“. Um diesen nicht ständig neu aufzuführen und somit den Lesefluss zu behindern, wird in der gesamten Textreihe davon abstrahiert.

Abbildung: Tätigkeit 1 (T1) ist die Ortsveränderung bestehender Leinwände. T2 ist die Herstellung von Leinwänden. T2c1 ist die Ortsveränderung von Leinengewebe, T2c2 das Weben der Leinwand, usw. usf.

Möglichkeit der Prozessanalyse

Die benannten Tätigkeiten sind immer nur in Zusammenhang stehende Möglichkeiten, wie ein Bedürfnis* befriedigt* werden kann und nicht alle dafür notwendig. Wenn zum Beispiel über T1, also die Ortsveränderung, sprich den Transport, 20 Leinwände besorgt werden können, gibt es keine Notwendigkeit zur Produktion von Leinwänden (T2). Oder wenn 20 Keilrahmen aus lokal vorhandenen, verbrauchten Leinwänden gelöst werden können (T2c2), gibt es keine Notwendigkeit für einen Transport dieser Keilrahmen (T2c1). Die einzelnen Tätigkeiten auf selber Ebene im selben Zweig müssen sich aber auch nicht widersprechen: Ein Bedarf nach 20 Keilrahmen kann auch gedeckt werden, wenn die Hälfte aus Leinwänden gelöst (T2c2) und die andere Hälfte neu produziert wird (T2c3).

Je mehr solcher möglichen Commoning-Prozesse es gibt, desto wahrscheinlicher (und tendenziell auch effizienter) ist diese Bedürfnisbefriedigung. Ein Commoning-Prozess kann zum Beispiel heißen: T2+T2b2+(T2c2 +T2c3). Das würde bedeuten, dass die 20 Leinwände produziert werden (T2), dafür Leinengewebe neu hergestellt wird (T2b2), ein Teil der benötigten Keilrahmen aus verbrauchten Leinwänden gelöst (T2c2) und ein Teil davon neu hergestellt wird (T2c3). Wäre das der vollständige Commoning-Prozess würde es auch bedeuten, dass etwa die Person, welche Tätigkeit T2 nachgeht, sich den Handtacker und Tackerklammern selbst organisiert hat, genauso wie die Person von T2c3 sich selbstständig um Holzleisten, die Winkelsäge und Nägel gekümmert hat, also kein Bedarf danach vermittelt wurde.

Die Frage ist jetzt: Wann kann mit einem Commoning-Prozess begonnen bzw. wann kann ein spezifischer Commoning-Prozess aktiviert werden? Die einfache Antwort: Wenn alle Bedarfe eines Commoning-Prozesses auf allen Ebenen zuverlässig gedeckt werden können. So lange nicht alle Bedarfe gedeckt werden können, laufen einzelne Tätigkeiten, und damit natürlich auch der gesamte Commoning-Prozess, immer in Gefahr nicht beendet zu werden und die getätigte Arbeit der an einzelnen Prozessen Beteiligten war nicht sinnvoll. Für den Regelfall heißt das somit: Bevor der erste Handgriff gemacht wird, muss klar ersichtlich sein, dass auch der letzte Handgriff gemacht werden kann.

Abbildung: Der spezifische Prozess T2+T2b2+(T2c2 +T2c3)

Weiterhin angenommen jede Tätigkeit müsste neu erdacht, die Verfügbarkeit von Mitteln jedes Mal neu geprüft, ein Bedarf jedes Mal neu vermittelt werden usw. usf.; In diesem Fall könnte im Nachhinein festgestellt werden, wie ein Commoning-Prozess aussah, was er verbraucht hat, welche Fähigkeiten benötigt wurden usw. usf. Das alleine hilft allerdings wenig, wenn Commoning effizient gemacht werden soll. Was daher idealerweise benötigt wird ist eine Lösung, wie mögliche Commoning-Prozesse – unabhängig von menschlicher Beteiligung und gleichgültig welcher Komplexität – in dem Moment erstellt werden können, in dem ein Bedürfnis vermittelt wird. Um solche Prozesse herausstellen zu können, müsste der Software zuerst einmal bekannt sein, welche Tätigkeiten es für die Herstellung, Erhaltung und (Orts-)Veränderung bestimmter Mittel gibt und welche Mittel hierfür benötigt werden. Weiter müsste die Software überprüfen können, welche Mittel verfügbar sind oder auch zeitnah verfügbar gemacht werden können – was natürlich voraussetzt, dass die potentiell verwendbaren Mittel mit ihren Meta-Daten (Verfügbarkeitsplanung, Lokalität, Zustand, Menge, Nutzungsbedingungen, etc.) in ein System eingespeichert wurden, auf welche die Software Zugriff hat und Veränderungen dort entsprechend aktualisiert werden. Wäre das aber gegeben, könnte die Software Vorschläge an möglichen Commoning-Prozessen anbieten, deren einzelnen Tätigkeiten sich Personen mit den dafür notwendigen Fähigkeiten zuordnen können – in dem Fall natürlich, dass klar definiert ist, welche Tätigkeiten welche Fähigkeiten verlangen.

Im weiteren Verlauf dieser Textreihe wird sich mit dieser Möglichkeit der automatischen Prozessgenerierung, Möglichkeiten der freiwilligen Selbstzuordnung und damit der Aktivierung von Commoning-Prozessen beschäftigt. Um hierbei allerdings sinnvolle Aussagen treffen zu können, muss die Struktur des Commonings auf Softwareebene noch sehr viel tiefer durchdrungen werden. Zuerst wird daher auf → Tätigkeitsmuster als Grundbaustein der Methode eingegangen, mit welcher über die Erfassung sinnvoller Tätigkeiten zur Bedürfnisbefriedigung schon eine einfache Analyse möglicher Commoning-Prozesse anhand der Verfügbarkeit von Mitteln möglich wird. Im Kapitel → Qualität und Bewertung v on Tätigkeitsmustern wird schließlich die Möglichkeit einer sinnvollen Sortierung dieser an sich zahllosen Tätigkeitsmustern angedacht. Im Verlauf dieser Textreihe werden schließlich die → Fähigkeiten auf Softwareebene anhand von Tätigkeitsmustern definiert, Möglichkeiten der vorsorgenden Selbstzuordnung angedacht und besonders herausgestellt, wie sich → Commons als Formen der softwareunabhängigen Selbstorganisation in diese Struktur integrieren können.

Abbildung: Die Grafik zeigt eine vereinfachte Form der Bedarfsprüfung, bei welcher lediglich die Verfügbarkeit der notwendigen Mittel (gelb=verfügbar) abgefragt wird und sich daraus ein möglicher Commoning-Prozess (türkis) ergibt. In welcher Menge das Mittel vorhanden ist, in welcher Reichweite es liegt oder ob es tendenziell schnell erzeugt werden kann, wird daraus nicht ersichtlich. Ebenfalls wird bisher nur die Verfügbarkeit von Mitteln analysiert, wodurch aber noch nichts darüber gesagt wird, ob sich Personen mit den benötigten Fähigkeiten den Tätigkeiten annehmen wollen bzw. werden.

Tätigkeitsmuster

Der Grundgedanke zu Tätigkeitsmustern ist, dass einzelne Tätigkeiten nicht einmalig sind, sondern sich im gesellschaftlichen Kooperationsprozess wiederholen. Im bisher gewählten Beispiel ähneln sich dabei drei Tätigkeiten: Die Ortsveränderung von vorhandenen Leinwänden, die Ortsveränderung von Leinengewebe und die Ortsveränderung von Keilrahmen (jeweils durch einen PKW). Wenn sich auch das zu transportierende Mittel voneinander unterscheidet, ist die Tätigkeit und die notwendige Fähigkeit (einen PKW fahren zu können) immer dieselbe. Durch ein Tätigkeitsmuster soll diese wiederkehrende Tätigkeit einheitlich festgehalten werden. Das Tätigkeitsmuster ist dabei der konstruierte Rahmen einer konkreten Tätigkeit, welche darin beschrieben wird.

Definiert wird ein solches Tätigkeitsmuster dabei nicht durch die Tätigkeit selbst, sondern durch die notwendigen Mittel (den Bedarf) für die Tätigkeit und das Resultat des Prozesses – also entweder ein erzeugtes/(orts-)verändertes/erhaltenes Mittel oder eine direkte Bedürfnisbefriedigung. Die einzelnen Tätigkeitsmuster werden miteinander verbunden, indem ein spezifischer Bedarf immer das Resultat eines nachfolgenden Tätigkeitsmusters ist. Hierdurch wird eine Tätigkeit, welche durch ein Tätigkeitsmuster beschrieben wird, zu einem Baustein im Kooperationsprozess des Commonings. Und weiter gedacht kann jeder einzelne Commoning-Prozess auf Re-Produktionsebene durch verschiedene Kombinationen aus Tätigkeitsmustern beschrieben werden. Die Ebene der sozialen Prozesse – wie also Menschen miteinander umgehen und etwa Konflikte untereinander klären können – wird dadurch nicht bestimmt.

Abbildung: Bisherige Tätigkeitsmuster sind z.B.: „Herstellung einer Leinwand mit einem Handtacker, Leinengewebe, Keilrahmen und Tackerklammern“ (T2), „Herstellung von Keilrahmen aus verwendeten Leinwänden“ (T2c2) oder „Ortsveränderung durch einen PKW und Treibstoff“ (T1, T2b1, T2c1: rot markiert ). Diese „Ortsveränderung“, sprich: der Transport, ist dabei ein Sonderfall, da das Mittel, welches aus dem Prozess hervorgeht, gleich einem Mittel ist, welches für den Prozess benötigt wird (z.B. M2b=M2b1a).

Wie entsteht ein solches Tätigkeitsmuster? Angenommen eine Person vermittelt ein Bedürfnis bzw. über die Software wird automatisch ein Bedarf vermittelt, und eine Person nimmt sich diesem Bedürfnis* an. In dem Fall, dass es kein Tätigkeitsmuster gibt, welches die Person, welche sich dem Bedürfnis annimmt, als für sich sinnvoll zur Befriedigung betrachtet, dann muss sie überlegen, wie sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus das Bedürfnis* befriedigen* würde. Findet sie eine Möglichkeit, kann sie dieser nachgehen. Wird das vermittelte Bedürfnis* anschließend als befriedigt* gekennzeichnet, gilt die aus eigener Erfahrung heraus angegangene Tätigkeit als prinzipiell sinnvoll im Prozess zur Bedürfnisbefriedigung. Die Person, welche der Tätigkeit nachgegangen ist, kann daher ein Tätigkeitsmuster erstellen, ihre Tätigkeit darin beschreiben und das Resultat und den Bedarf der Tätigkeit definieren. Das Tätigkeitsmuster selbst wird schließlich gesellschaftlich geteilt, sprich, neben anderen bestehenden Tätigkeitsmustern offen verfügbar gemacht.

Steht dasselbe Bedürfnis* ein weiteres Mal an, kann die neu beschriebene Tätigkeit – neben allen anderen Tätigkeitsmustern mit demselben Resultat – abgerufen werden und eine Person, welche diese als sinnvoll zu dieser bestimmten Bedürfnisbefriedung* ansieht, kann es innerhalb eines anderen Commoning-Prozesses verwenden. Falls ein bestehendes Tätigkeitsmuster verwendet wird, braucht es hier zusätzlich die Möglichkeit, dass Beschreibungen verbessert werden bzw. Alternativversionen angelegt werden können. Zur Qualität eines einzelnen Tätigkeitsmusters kann an dieser Stelle allerdings noch keine Aussage getroffen werden.

Anmerkung 1: Zum leichteren Verständnis ist die Beschreibung von Tätigkeitsmustern in dieser Textreihe nicht von Anfang an vollständig.

Anmerkung 2: Es ist immer auch möglich, dass sich nicht nur eine einzelne Person, sondern auch eine Gruppe einem Tätigkeitsmuster zuordnet. Zur einfachen Lesbarkeit wird folgend allerdings immer nur von einer einzelnen Person gesprochen.

Anmerkung 3: Was einem Tätigkeitsmuster heute sehr ähnlich kommt, sind die einzelnen Artikel auf wikihow.com. In Text-, Bild und Videoformat teilen auch hier Personen freiwillig und unter Creative-Commons-Lizenz ihre Lösungen zu immer wiederkehrenden Problemen. Damit eine solche Tätigkeitsbeschreibung ein Tätigkeitsmuster werden kann, braucht es einerseits eine genaue Bestimmung der verwendeten Mittel und des hervorgehenden Resultates und die Tätigkeit müsste sich mindestens einmal erfolgreich in einem Commoning-Prozess integriert haben.

Qualität und Bewertung von Tätigkeitsmustern

Je weniger aufwendig durch eine bestimmte Tätigkeit der Prozess der Bedürfnisbefriedigung ist und je weniger neue Bedürfnisse durch diese Tätigkeit entstehen, desto höher ist die Qualität des entsprechenden Tätigkeitsmusters. Hier allerdings müssen zwei Qualitäten unterschieden werden: Die sinnlich- funktionale Qualität einer Tätigkeit und die Prozessqualität . Die sinnlich-funktionale Qualität des Tätigkeitsmusters ist die Qualität des Resultates, welche durch Sinne erfahrbar ist und funktional zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses oder Deckung eines bestimmten Bedarfes sein muss. Sie ist dabei umso höher, je vollständiger und dauerhafter das Resultat der Tätigkeit das Bedürfnis befriedigt bzw. den Bedarf deckt. Die Prozessqualität ist schließlich umso höher, je weniger aufwendig die Tätigkeit an sich ist und einschließlich, je weniger Aufwand insgesamt zur Durchführung der Tätigkeit – das heißt zur Deckung aller ihrer Bedarfe – notwendig ist. Der Aufwand einer Tätigkeit – sobald alle notwendigen Mittel (Bedarfe) vorhanden sind – ist dabei allgemeingültig . Der Aufwand der Bedarfsdeckung dagegen ist kontextabhängig . Das heißt, wenn die Tätigkeit innerhalb einer lokalen Umgebung stattfinden soll, in welcher sämtliche dafür notwendigen Mittel bereits verfügbar sind, ist die Prozessqualität sehr hoch. Wenn dieselbe Tätigkeit dagegen in einer lokalen Umgebung stattfinden soll, in welcher kein einziges notwendiges Mittel verfügbar ist und diese erst aufwendig beschafft/hergestellt werden müssten, dann ist die Prozessqualität der Tätigkeit sehr niedrig.

Die Frage ist weiter: Wie können die einzelnen Qualitäten eines Tätigkeitsmusters festgestellt werden? Die Bewertung der sinnlich- funktionalen Qualität (s f Q) kann nicht über diejenigen geschehen, welche am entsprechenden Prozess tätig sind, sondern nur über diejenigen, welche das Resultat verwenden bzw. deren Bedürfnis direkt über die Tätigkeit befriedigt wird. Da diese allerdings nicht unbedingt wissen, aus welchen Prozess das Resultat hervorgegangen ist, erfolgt die Bewertung der sinnlich-funktionalen Qualität eines Tätigkeitsmusters über den Umweg, dass die Beschaffenheit eines Mittels bewertet wird, welches selbst schließlich auf das Muster verweist, aus welchem es resultiert.

Die Bewertung der Prozessqualität (Pq) erfolgt dagegen auf zwei verschiedene Weisen: 1. Durch eine Bewertung des Aufwandes der Tätigkeiten durch die ausführende Person bzw. die ausführenden Personen. 2. Durch eine Analyse der lokalen Verfügbarkeit der notwendigen Mittel.

Zu 1.: Personen, welche sich der Tätigkeit angenommen haben, können bewerten, wie körperlich bzw. geistig erschöpfend die Tätigkeit war und wie viel Zeit die Tätigkeit in Anspruch genommen hat. Für weitere Funktionen der Software scheint es unerlässlich, dass der allgemeingültige Aufwand einer jeden Tätigkeit festgestellt wird. Durch welche Methode der allgemeine Aufwand möglichst genau festgehalten werden kann, ist allerdings eine noch offene Frage. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Aufwand schließlich quantifiziert, sprich, als einzelne Zahl darstellbar gemacht werden muss. Die weitere Schwierigkeit besteht darin, dass – sobald ein eigener Vorteil durch Beteiligung besteht – es zum Vorteil werden kann, die eigene Tätigkeit als aufwendiger darzustellen, als sie vielleicht im Vergleich zu anderen Tätigkeiten tatsächlich ist. Aus rein konzeptioneller Perspektive erscheint das noch als die schwierigste zu lösende Frage.

Zu 2.: Neben dem Aufwand der Tätigkeit an sich , muss der Aufwand herausgestellt werden, welcher notwendig ist, bis die Tätigkeit überhaupt erst ausgeführt werden kann. Das geschieht rein über eine Analyse der Meta-Daten verfügbarer Mittel (Lokalität, Menge, etc.) in Kombination mit den verfügbaren Tätigkeitsmuster . Auf einer abstrakteren Ebene beschrieben, sind Tätigkeitsmuster nichts anderes als Beschreibungen, wie bestimmte Mittel in andere Mittel verwandelt werden. Je mehr solcher Tätigkeitsmuster vorhanden sind, desto mehr Möglichkeiten gibt es daher, aus welchen Mitteln andere Mittel entstehen können, welche schließlich die Bedarfe der Tätigkeit sind, von welcher die Prozessqualität herausgestellt werden soll. Um den Aufwand herauszustellen, welcher anhand der verfügbaren Daten zur Bedarfsdeckung notwendig ist, muss der Aufwand eines jeden dafür notwendigen Tätigkeitsmusters wieder feststehen.

Was aber hat es mit der Qualität von Tätigkeitsmustern auf sich? Da im Commoning weder die Software noch eine andere Instanz Menschen zuteilen kann, hilft die Musterqualität bei einer Vorauswahl von möglichen Tätigkeiten, einer Sortierung, für diejenigen, welche sich in Re-Produktionsprozesse einbringen wollen. Das Ziel ist es, dass Anwender aus den potentiell unbegrenzten Möglichkeiten des sich-Beteiligens, die Tätigkeiten zuerst vorgeschlagen bekommen, welche einerseits zu ihren jeweiligen Interessen und Fähigkeiten passen und anderseits sinnvoll für den Gesamtprozess der gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung sind. Welchem Muster sich also eine am Commoning beteiligte Person annimmt liegt dabei außerhalb des Einflusses der Personen, welche Bedürfnisse vermittelt haben. Die Selbstauswahl der Tätigkeit ist das bestimmende Moment dieser Produktionsweise, welche durch den automatischen → Konfigurationsprozess (Teil 6 der Textreihe) lediglich unterstützt wird.

Ein Mittelwert aus sinnlich-funktionaler und Prozessqualität wird folgend in der Textreihe als allgemeine Qualität eines Tätigkeitsmusters bezeichnet.

 

Dritter Teil

Drittes Vorwort

Auf reiner Prozessebene kann das Ideal der hier beschriebenen Vermittlungsform zur effizienten Bedürfnisbefriedigung folgendermaßen ausgedrückt werden: Möglichst wenig Aufwand. Dieser ergibt sich aus möglichst wenigen unterschiedlichen Mitteln, die möglichst vielfältig verwendet werden können und möglichst lange haltbar sind. Weiter auch aus möglichst geringen Anforderungen an Fähigkeiten und Qualifikationen bei den Tätigkeiten, welche für die Herstellung und Erhaltung der Gesellschaft notwendig sind, damit möglichst viele Personen sich diesen annehmen, sprich: zuordnen können.

Aber was sind diese Fähigkeiten überhaupt und was ist ihr Bezug zu den Bedürfnissen? Und wer kann sich welchen Tätigkeiten annehmen? Wie überhaupt können Bedürfnisse sinnvoll vermittelt werden, damit schließlich ein effizienter Gesamtprozess möglich wird? Und wenn die Qualität einer Tätigkeit sich nur auf ein einzelnes Bedürfnis bezieht, wie lässt sich herausstellen, welche Tätigkeiten für den Gesamtprozess sinnvoll sind? Dieser dritte Teil der Textreihe beantwortet die Fragen in ihrer Reihenfolge.

Eine Anmerkung noch zur Frage, ob „möglichst geringer Aufwand“ wirklich das Ideal sein sollte und nicht etwa „Tätigkeiten, die Lust bereiten“ o.ä.: Denken wir zurück an die Kritische Psychologie, dann besteht das Bedürfnis aus zwei Teilen: Dem unmittelbar erfahrbaren „sinnlich-vitalen Bedürfnis“ und dem „produktiven Bedürfnis“, welches nicht (!) das „Bedürfnis nach Arbeit“ ist, sondern das Bedürfnis zur Verfügung über den gesellschaftlichen Re-Produktionsprozess. Und über diese Verfügung, bzw. den Zugriff auf die Quellen der Bedürfnisbefriedigung, soll eine möglichst dauerhafte Befriedigung der sinnlich-vitalen Bedürfnisse hergestellt werden können ( Vergleiche Meretz: „die Grundlegung lesen“ ). Tätigkeit hat damit nicht nur den Zweck sinnlich-vitale Bedürfnisse direkt zu befriedigen, sondern die Befriedigung sinnlich-vitaler Bedürfnisse dauerhaft abzusichern und je geringer der Aufwand zur Befriedigung eines bestimmten sinnlich-vitalen Bedürfnisses ist, desto tendenziell mehr solcher Bedürfnisse können insgesamt befriedigt werden bzw. desto höher ist die Sicherheit, dass diese Bedürfnisse dauerhaft befriedigt werden. Ob die jeweiligen Tätigkeiten dann „Spaß machen“ ist erstens zweitrangig, zweitens zu individuell verschieden und drittens ist das grundlegende Prinzip die Selbstzuordnung und wenn auch Tätigkeiten mit geringem Aufwand nahegelegt werden, entscheiden die Beteiligten selbst, welchen Tätigkeiten sie sich annehmen wollen. Es braucht hierfür keine allgemeinen „Lustindikator“ o.ä.

Fähigkeiten (und komplexe Tätigkeitsmuster)

Im Gegensatz zur im nächsten Kapitel beschriebenen Qualifikation, sind Fähigkeiten auf Softwareebene keine Bedingungen, um bestimmte Tätigkeiten ausführen zu können. Die Definition von Fähigkeiten hilft vielmehr dabei, den Gesamtprozess übersichtlicher zu gestalten und die Selbstzuordnung zu vereinfachen.

Fähigkeiten werden dabei als Tätigkeiten verstanden, deren Ablauf verinnerlicht ist. Auf Softwareebene werden sie daher auch durch Tätigkeitsmuster definiert. Welche Tätigkeit dabei als verinnerlicht betrachtet wird, liegt ganz im Ermessen des jeweiligen Anwenders bzw. der jeweiligen Anwenderin. Diese Markierung als „verinnerlicht“ wird dabei in der sogenannten Bibliothek vorgenommen. In der Bibliothek werden dabei sämtliche Tätigkeitsmuster gespeichert, denen sich prinzipiell angenommen werden kann. Einerseits können diese manuell ausgewählt und dort abgespeichert werden, anderseits können sämtliche Tätigkeitsmuster automatisch dorthin übertragen werden, welchen sich mindestens einmal erfolgreich angenommen wurde.

Diese Bibliothek hat neben der Definition von Fähigkeiten noch eine weitere relevante Funktion: Tätigkeitsmuster können entsprechend markiert werden, ob ihnen gerne oder nicht gerne nachgegangen wird. Je nachdem kann die Person durch die Software benachrichtigt werden, sobald eine Tätigkeit in einem (lokalen) Commoning-Prozess ansteht, an welcher Interesse besteht oder sie wird, wenn überhaupt, erst benachrichtigt, wenn es für die Tätigkeit eine hohe Dringlichkeit gibt (→ Tätigkeitsgewichtung ). Neben der Möglichkeit, sich den Gesamtprozess des Commonings bzw. einzelne Commoning-Prozesse zu bestimmten Bedürfnisbefriedigungen anzusehen und sich entsprechend Tätigkeiten zuzuordnen, gibt es damit eine zweite Möglichkeit, sich in das Commoning einzubringen. Diese kann als halb-automatische Selbstzuordnung bezeichnet werden.

Auf Fähigkeiten können komplexe Tätigkeit smuster aufbauen. Um das verständlich zu machen, wird wieder auf das veraltete, aus der marxschen Wertformanalyse entnommene Beispiel der Herstellung von Leinwand bzw. Leinengewebe zurückgegriffen. Immer noch gilt, dass durch das nicht-zeitgemäß gewählten Beispiel der Fokus auf die dahinterstehende Logik gelegt und damit keineswegs angedeutet werden soll, dass Commoning der heutigen Komplexität nicht standhält.

Die Herstellung eines Leinengewebes durch einen Webstuhl stark vereinfacht dargestellt (Die Anmerkungen in Klammern verweisen dabei auf nachfolgende Abbildung): Damit das Leinengarn (a) im Webstuhl verarbeitet werden kann, müssen die Fäden des Garns erst die gleiche Länge und die richtige Reihenfolge erhalten. Dafür wird es auf den Scherbaum (b) aufgespannt (Muster g). Das so bearbeitete Leinengarn wird schließlich als Kette (a) bezeichnet. Diese Kette wird schließlich auf den bisher unbespannten Webstuhl (b) gespannt (Muster f). Im Webprozess werden aus dieser Kette die vertikal verlaufenden Fäden des Gewebes entstehen. Ein weiteres Leinengarn (a) wird schließlich gemäß einer Leinwand-Bindungspatrone (b) durch die Litzen und Blätter des mit Kette bespannten Webstuhl s (c ) gestochen. Die Leinwand-Bindungspatrone gibt dabei vor, wie die Fäden durch den Webstuhl verlaufen müssen, damit am Ende das gewünschte Gewebemuster herauskommt (Muster e). Durch den damit vollständig bespannten Webstuhl (a) kann das Leinengewebe hergestellt werden (Muster d). Falls notwendig, wird die Leinwand-Bindungspatrone zuvor erst mit Hilfe eines Patronenpapiers (a) erstellt (Muster c).

Was bedeutet es, wenn das im letzten Teil der Textreihe verwendete Tätigkeitsmuster „Herstellung eines Leinengewebes durch (a) unbespannten Webstuhl, (b) Scherbaum, © Leinengarn und (d) Patronenpapier“ (T2b2 / Muster a) heißt? Es bedeutet, dass sämtliche gerade angerissenen Tätigkeiten im selben Muster enthalten sind. In der Grafik sind dabei die Tätigkeitsmuster d-g im komplexen Muster b zusammengefasst, aber erst Muster b ergibt zusammen mit Muster c die uns bereits bekannte Tätigkeit T2b2 bzw . Muster a . Ein komplexes Tätigkeitsmuster besteht damit ausschließlich aus der Kombination einfacher Tätigkeitsmuster. Es kommen darin keine neuen Informationen vor – es ist die Zusammenfassung der Informationen der untergeordneten Muster. Und falls neue Informationen doch notwendig sind, dann müssen diese in Form eines vorläufigen Tätigkeitsmusters angelegt werden, in welchem Resultat und Bedarf klar ersichtlich werden und für welches außerdem der Aufwand gesondert herausgestellt werden kann. (Ein solches vorläufiges Tätigkeitsmuster kann damit direkt mit einem roten Link auf Wikipedia verglichen werden, wenn dieser „Link“ allerdings die beschriebenen Bestimmungen schon erfüllen muss.)

Hierzu eine kurze Anmerkung zum → Muster-Design : Dasselbe durch Resultat, Bedarf und Aufwand definierte Muster hat im besten Fall eine Vielzahl von unterschiedlichen Beschreibungen für denselben Prozess. Die Sprache ist dabei natürlich ein wesentlicher Punkt, aber genauso die Form der Darstellung (als Textbeschreibung, Video, etc.) oder etwa das Detailreichtum der Beschreibung. Gibt es etwa eine sehr knappe Beschreibung eines Musters und ist diese entsprechend definiert, kann die Beschreibung eines komplexen Tätigkeitsmusters automatisch generiert werden, indem diese knappen Beschreibung aneinander gehängt werden.

Über Fähigkeiten werden Tätigkeiten also auf Softwareebene in kleinere Schritte geteilt bzw. werden einzelne Tätigkeiten zusammengefasst. Da prinzipiell jedes Tätigkeitsmuster als Fähigkeit markiert werden kann, kann sich prinzipiell auch jedem komplexen Tätigkeitsmuster zugeordnet werden. Vorausgesetzt ist hier jeweils, dass die definierten Qualifikationen der darin enthaltenen Tätigkeitsmuster gegeben sind. Die Definition von Fähigkeiten hilft dabei den Beteiligten den Gesamtprozess einerseits schneller erfassen und sich leichter einbringen zu können, anderseits den organisatorischen Aufwand zu minimieren, welcher mit der Selbstzuordnung zu vielen kleineren Tätigkeiten unbedingt zusammenhängt.

Da ein komplexes Tätigkeitsmuster lediglich eine Verschachtelung von einfacheren Tätigkeitsmustern ist, ist sowohl der Bedarf als auch Aufwand genau gleich. Der Aufwand eines komplexen Tätigkeitsmusters ist daher auch die Summe des Aufwandes der darin enthaltenen einfachen Tätigkeitsmuster. Und da ein Tätigkeitsmuster immer die eindeutige Beschreibung eines Prozesses ist, sind weiter auch die Tätigkeitsmuster, welche als dessen Fähigkeiten definiert sind, immer eindeutig. Tätigkeitsmuster M(a) aus dem Beispiel wird immer die in den Tätigkeitsmustern M(b) und M(c ) beschriebenen Prozesse beinhalten, wie auch M(b) immer die in den Tätigkeitsmustern M(d-f) Prozesse beinhaltet. Einzelne Tätigkeitsmuster selbst können dagegen als Fähigkeiten in unterschiedlichen anderen Tätigkeitsmuster definiert sein.

Qualifikation

Während Fähigkeiten frei gesetzt werden können, braucht es bei der Qualifikation eine äußere Instanz, welche die Erlaubnis erteilt, sich bestimmten Tätigkeiten überhaupt annehmen zu dürfen. Notwendig kann das in unterschiedlichen Situationen sein: Eine Tätigkeit kann den Umgang mit sensibler Technik beinhalten, deren Beschädigung einen großen Aufwand zur Wiederinstandsetzung nach sich ziehen würde. Oder die Tätigkeit ist an sich nicht schwierig, aber beinhaltet gefährliche Chemikalien, welche bei fehlerhafter Handhabung zu erheblichen Gesundheitsproblemen führen können. Genauso sollte sichergestellt werden können, dass sich bei Tätigkeiten an Menschen – wie etwa in der Chirurgie oder der Erziehung – nur Personen mit dem notwendigen medizinischen oder pädagogischen Verständnis zuordnen können. Aber auch im Bereich der Produktion symbolischer Mittel kann es problematisch sein, wenn Personen sich Tätigkeiten zuordnen, welche ihre eigene Kompetenz überschreiten: Ein ganzer Commoning-Prozess kann aufgehalten werden, wenn etwa ein Programmierer sich selbst überschätzt und die Tätigkeit anderer Personen auf dessen Code aufbaut.

Die Definition von notwendigen Qualifikationen für Tätigkeitsmuster scheint daher unerlässlich, wirft aber Fragen auf, welche Autorität und welche Strukturen die Qualifikationen innerhalb einer Gesellschaftlichkeit von Gleichrangigen möglichst allgemeingültig zertifizieren können. Innerhalb dieser Softwarekonzept-Reihe sollen diese Fragen nicht beantwortet werden. Was auf Vermittlungsebene nur gesagt werden kann: Es ist möglich – und notwendig – bestimmte Tätigkeitsmuster mit einer allgemeingültigen Qualifikation als Voraussetzung dafür zu beschreiben. Auf Seite der Beteiligten muss es in diesem Fall eine Bibliothek von Qualifikationen geben, in welcher die eigenen Qualifikationen festgehalten sind. Auf Peer-Ebene (Peer : „Gleichrangige“ ) ist außerdem möglich, dass Beteiligte Anfragen zum Erlernen bestimmter Qualifikationen stellen und diese Anfragen durch Personen ausgelesen werden können, welche die Qualifikation besitzen und autorisiert sind – in welcher Weise auch immer – diese Qualifikation weiterzugeben.

Anmerkung: Eine ähnliche Bedingung um sich einer Tätigkeit annehmen zu können, kann eine bestimmte Personenzahl sein. So ist es etwa nicht möglich, eine Kette alleine auf einen Webstuhl aufzuspannen (Grafik: Muster f ). Auch das sollte bei der Entwicklung der Software berücksichtigt werden, um einen sinnvollen Commoning-Prozess zu gewährleisten.

Tätigkeitsgewichtung

Eine beteiligte Person hat tendenziell eine Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten, wie sie sich in das ununterbrochene Commoning einbringen kann. Und je mehr Fähigkeiten sie angegeben hat und je mehr Qualifikationen sie besitzt, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich für sie. Über die Qualität einer Tätigkeit lässt sich weiter zwar feststellen, wie sinnvoll eine Tätigkeit zur Befriedigung eines einzelnen Bedürfnisses ist, allerdings nicht, wie sinnvoll eine Tätigkeit für den Gesamtprozess ist. Der Indikator hierfür ist das Gewicht einer Tätigkeit.

Um sich dem Gewicht anzunähern, muss zuerst die Vermittlung von Bedürfnissen näher betrachtet werden. Damit Commoning-Prozesse überhaupt angestoßen werden, braucht es zuerst vermittelte Bedürfnisse und jeder Anwender und jede Anwenderin kann unterschiedlich viele solcher Bedürfnisse vermitteln. Nur, weil ein Bedürfnis vermittelt wurde, heißt es aber noch nicht, dass sich jemand diesem Bedürfnis auch annehmen wird – das ist Vor- und Nachteil einer Gesellschaftlichkeit ohne strukturellem Zwang. Wichtig bei der Vermittlung von Bedürfnissen ist allerdings eine Fairness zwischen den Gesellschaftsteilnehmern. Das heißt, eine Person, welche versucht möglichst viele Bedürfnisse zu vermitteln, sollte keinen Vorteil gegenüber einer Person haben, welche sehr bewusst angibt, was sie braucht. Und das heißt auch, dass Personen, die für andere tätig sind, auch tendenziell etwas zurückbekommen – das also durch das Einbringen in das Commoning eine gewisse Sicherheit zur Absicherung der eigenen Lebensbedingungen entsteht. Diese Koppelung zwischen Beteiligung und individuellen Vorteil wird über die Transformationsvariable, kurz: Trava , hergestellt. Die Trava wird in weiteren Teilen der Textreihe sowohl näher vorgestellt als auch offen diskutiert. Sie ist das gesamte Gewicht, welche eine Person auf ihre einzelnen Bedürfnisse verteilen kann.

Folgend wird als Bedürfnis gewichtung der Teil der Software bezeichnet, in welchem Beteiligte ihre angegebenen Bedürfnisse verschieden priorisieren können. Durch diese Gewichtung wird bestimmt, welche dieser vermittelten Bedürfnisse einer Person besonders wichtig sind. Das heißt, wenn eine Anwenderin vier Bedürfnisse vermittelt hat, können diese entweder gleichermaßen mit 25% gewichtet sein, oder die Beteiligte hebt etwa ein Bedürfnis mit 40% hervor, was eine Abwertung der anderen drei Bedürfnisse auf 20% des insgesamt verteilbaren Gewichtes mit sich bringt.

Von dem Bedürfnis ab wird dieses Gewicht auf sämtliche Tätigkeiten des Commoning-Prozesses verteilt. Das Gewicht der einzelnen Tätigkeiten innerhalb des Commoning-Prozesses wird dabei durch ihren Anteil am gesamten Aufwand bestimmt. Angenommen also das Gewicht eines bestimmten Bedürfnisses wäre 100 und die Konfiguration besteht aus nur drei Tätigkeitsmustern, welche mit einem Aufwand von 50 (T1), 150 (T1a1) und 200 (T1b1) beschrieben sind. Der Aufwand insgesamt beträgt also 400. Die Gewichtung der einzelnen Tätigkeiten wäre dementsprechend: 12,5, 37,5 und 50.

Soweit bestimmt sich also das Gewicht einer Tätigkeit durch ihr Verhältnis zu den anderen Tätigkeiten im selben Prozess. Weiter aber schließlich noch durch Anzahl bzw. das Gewicht anderer Bedürfnisse, welche auf dieselbe Tätigkeit verweisen. Denn selbstverständlich können einzelne Tätigkeiten den Bedarf von Tätigkeiten verschiedener Commoning-Prozesse decken: Das ist die Essenz des ununterbrochenen Commonings . Hierbei muss allerdings unterschieden werden, ob sämtlicher Bedarf gedeckt wird, indem die Tätigkeit einmal ausgeführt wird oder ob der gesamte Bedarf nur durch die kontinuierliche Ausführung der Tätigkeit gedeckt wird. Das heißt angenommen bei verschiedenen Commoning-Prozessen kommt es zu einem Bedarf nach einer bestimmten wissenschaftlichen Forschung, dann kann sämtlicher Bedarf durch ein und dieselbe Forschung gedeckt werden. Wenn dagegen in verschiedenen Commoning-Prozessen ein Bedarf nach demselben Typ Schrauben entsteht, dann kann dieser Bedarf nur durch wiederholte, kontinuierliche Tätigkeit gedeckt werden. In diesem Fall ist es für Beteiligte sowohl relevant zu wissen, welches Gewicht die Tätigkeit für die Deckung eines Bedarfes hat, als auch welches Gewicht die Tätigkeit hat, wenn durch die kontinuierliche Ausführung sämtliche darauf verweisende Bedarfe gedeckt werden. Bei einer kontinuierlichen Tätigkeit braucht es dabei die Funktion, dass bei der Selbstzuordnung angegeben werden kann, welchen Bedarfen sich insgesamt angenommen wird.

Die Software ist eine Vermittlungsform, welche Selbstorganisation unterstützen soll. Trotzdem gibt es in ihr einen bestimmten Fluss, einen roten Faden, welchem nicht gefolgt werden muss, der aber sowohl bestimmte Tätigkeiten (→ Konfigurationsprozess ) als auch eine bestimmte Verteilung nahelegt. Bei einer kontinuierlichen Tätigkeit wird dabei nahegelegt, dass das erste Resultat der Tätigkeit zuerst den Commoning-Prozess unterstützt, welcher das höchste Gewicht hat und von da ab jeweils an den Nächsthöchsten verteilt wird. Ein hohes Gewicht eines Prozesses ist schließlich ein Indiz dafür, dass die entsprechenden Tätigkeiten verhältnismäßig sinnvoll zur Herstellung und Erhaltung der gemeinsamen Lebensbedingungen sind. Wie bereits gesagt, wird die Reihenfolge der Verteilung aber nur nahegelegt und wird durch die Personen, welche die Tätigkeit ausführen, selbst festgelegt. Wenn eine andere Reihenfolge der Verteilung für diese sinnvoll erscheint – ein Grund wäre etwa, dass bei einer höher gewichteten Tätigkeit noch weitere notwendige Mittel fehlen und diese auch nicht zeitnah bereitgestellt werden -, dann kann diese Reihenfolge selbstverständlich geändert werden. Wichtig ist hier die einfache Möglichkeit einer Kommunikation zwischen den Personen, welche durch ihre Tätigkeiten in Zusammenhang stehen.

Abbildung: Der gemeinsame Bedarf des türkis und gelb markierten Bedürfnisses ist der Gleiche und muss durch kontinuierliche Ausführung (kont.) gedeckt werden. Es wird dabei nahegelegt, dass das erste Resultat der Tätigkeit an die Tätigkeit des gelben Prozesses verteilt wird, da das entsprechende Bedürfnis ein höheres Gewicht hat. Der gemeinsame Bedarf des gelb und grün markierten Bedürfnisses ist derselbe und wird durch dieselbe Tätigkeit gedeckt. Zur Vereinfachung wird hier vom Aufwand der jeweiligen Tätigkeiten abgesehen.

 

Vierter Teil

Viertes Vorwort

Im Zentrum dieses Teils steht die Kopplung von Geben und Nehmen bzw. - im eigentumsfreien Raum -, die Kopplung von Beitrag und individuellem Vorteil. Erfahrungsgemäß wird dieses Moment der Software am stärksten kritisiert, denn eine unfaire Kopplung von Beitrag und individuellem Vorteil kann wiederum Momente des Leistungszwangs und der Konkurrenz hervorbringen, wie wir sie aus dem kapitalistischen System kennen und die wir im Commoning nicht haben wollen. Die Frage ist also: Wie kann Fairness im softwarevermittelten Commoning hergestellt werden?

Ich bin so frei hier Silke Helfrich und David Bollier aus ihrem Buch Frei, Fair, Lebendig länger zu zitieren. Der Abschnitt ist dem Muster Gegenseitigkeit behutsam ausüben entnommen: „Worauf es bei Commons letztlich ankommt, ist ein Gefühl der Fairness. Das verlangt nicht notwendigerweise, allen genau gleiche Anteile zukommen zu lassen und auch keinen »Äquivalententausch in Geldwerten«, wohl aber sicherzustellen, dass alle Bedürfnisse aufgenommen wurden und auch strukturell benachteiligte Personen in würdevoller Weise das bekommen, was sie benötigen. Ein selbstbewusstes, gütiges Commons-Umfeld ist also eines, in dem die Beteiligten gut damit leben können, wenn sie im Laufe der Zeit in den Genuss eines ungefähr ausgeglichenen (aber nicht absolut gleichen) Verhältnisses von Geben und Nehmen kommen. Die Entscheidung, »nicht genau auszurechnen«, wer wem etwas schuldet, ist die Praxis der behutsam ausgeübten Gegenseitigkeit. Sie ist nicht selten eine Angelegenheit der sozialen Weisheit und Toleranz. Auf strikte, direkte Gegenseitigkeit zu bestehen und damit immer wieder eine Welt zu erzeugen, in der Menschen vor allem als Schuldner oder Gläubigerinnen gesehen werden, kann Neid, soziale Spannungen und polarisierende Eifersucht schüren. Wenn aber Trittbrettfahrerinnen und Trittbrettfahrern erlaubt wird, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinsamen zu drücken, führt dies ebenfalls zu Ressentiments und zu abnehmender Toleranz. […] In einem Commons muss also sichergestellt sein, dass Geben und Nehmen im Laufe der Zeit in einem grob ausgewogenen Verhältnis stehen, ohne auf eine zu überprüfende strikte Gegenseitigkeit zu bestehen und ohne Beiträge zu erzwingen.“ (S.103) Und weiter zum Thema auch Meretz und Sutterlütti in Kapitalismus aufheben: „Fairness ist zudem nicht verallgemeinerbar, sondern basiert auf empfundener Gerechtigkeit und interpersonalen Beziehungen. Fairness ist eine interpersonale Empfindung und benötigt ein konkretes Gegenüber.“ (S.229)

Die Kopplung zwischen → Beitrag und individuellem Vorteil geschieht über die Transformationsvariable , kurz: Trava. Die Schwierigkeit war es, für die transpersonale Vermittlungsform der Software eine Funktion zu finden, welche eine Regelung der Trava-Verteilung auf interpersonaler Ebene erlaubt und somit Fairness auf transpersonaler Ebene herzustellen. Diese Funktion und die Möglichkeit der bewussten Regelsetzung wird im Kapitel → Der Umverteilungsprozess beschrieben. Ähnlich wie Geld ist die Trava dabei eine rein quantitative Größe, unterscheidet sich dabei aber sowohl durch ihre Einbettung in der entsprechenden Gesellschaftsstruktur als auch in der Anwendung erheblich von diesem. Auf das → Verhältnis zwischen Geld und Trava wird in einem gesonderten Kapitel eingegangen.

Beteiligung und individueller Vorteil

Die direkteste Kopplung von Beteiligung und individuellem Vorteil ist schlicht, sich in solche Commoning-Prozesse einzubringen, die zur eigenen Bedürfnisbefriedigung führen. Falls allerdings die eigenen Interessen und Fähigkeiten nicht in genau diese Prozesse integriert werden können, braucht es eine andere Möglichkeit, dass die eigene Beteiligung – die eigens aufgebrachte Anstrengung zur generellen Bedürfnisbefriedigung – auch Anerkennung findet. Die Beteiligung soll damit tendenziell vorteilhaft zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse sein, damit auch eine zunehmende Unabhängigkeit von Geld bewirken und so – als gesamtgesellschaftliche Auswirkung – die destruktive Verwertungsmaschinerie der kapitalistischen Produktionsweise bremsen ( Vorwissen ).

Der Ausgleich zwischen Bedürfnisbefriedigung und Tätigkeit geschieht über die Transformationsvariable (Trava), die Fairness wird hergestellt über den Umverteilungsprozess. Die Trava ist dabei eine Zahl und damit eine rein quantitative Größe. Sie bewegt sich im Re-Produktionsprozess, indem sie Personen zur Verfügung steht, welche damit ihren Bedürfnissen ein Gewicht zuschreiben, wodurch sich die Trava dem Aufwand nach auf die zur Bedürfnisbefriedigung notwendigen Tätigkeiten verteilt ( Tätigkeitsgewichtung ). Die Tätigkeiten haben damit ein bestimmtes Gewicht, das nach erfolgreichem Abschluss der Tätigkeit über den Umweg des Umverteilungsprozesses zu einem Teil direkt der Person zur Verfügung gestellt wird, welche sich der Tätigkeit angenommen hat. Die Person selbst kann die Trava wiederum nutzen, um die eigenen Bedürfnisse höher zu gewichten und damit anderen Personen einen größeren Anreiz zu geben, sich den eigenen Tätigkeiten anzunehmen. Über die Trava wird also keine Bedürfnisbefriedigung garantiert, aber diese wird wahrscheinlicher gemacht. Ihren Namen erhielt die Transformationsvariable dabei durch ihre Funktion, die gesellschaftliche Transformation zu unterstützen, das heißt, aus der Geldabhängigkeit herauszuführen, indem sie – einem Lohn ähnlich – einen Zusammenhang zwischen Leistung und Bedürfnisbefriedigung herstellt, dabei aber – im Unterschied zur Vermittlung über Geld – eine Struktur der unbegrenzten Kooperation hervorbringt und in dieser Bewegung selbst an Wichtigkeit verliert ( Verhältnis von Geld und Trava ).

 

Der Umverteilungsprozess

Bei der Trava-Übertragung ohne Umverteilungsprozess wird eine problematische Leistungsgerechtigkeit hergestellt. An dieser Stelle wird daher der Umverteilungsprozess über folgende Schritte ergründet: (1) Warum die Trava-Vermittlung alleine problematisch ist. (2) Wer in der Umverteilung einbezogen wird. (3) Aus welchen Teilen der Umverteilungsprozess besteht. (4) Welche Aufgaben eine Umverteilungsrunde hat. (5) Welche Konsequenzen der Umverteilungsprozess für die Software hat. (6) Was unsere Aufgabe in Entwicklung und Konzeption ganz allgemein ist.

1. Warum ist ist die direkte Trava-Übertragung problematisch?

1.1 Es entsteht eine gesellschaftliche Vermittlung durch eine Zahl/eine reine Quantität, wodurch ähnliche Problematiken wie in der Vermittlung durch Geld entstehen können: Ja und nein. Der Vergleich mit dem Geld liegt hier immer und notwendigerweise nahe, da es die wesentliche Form der gesellschaftlichen Vermittlung ist, welche heute unser Leben bestimmt und sich, ebenso wie die Trava, rein durch Zahlen darstellen lässt. Der entscheidende Unterschied von Geld und Trava ist allerdings, dass das eine in einer auf Ausschluss basierenden Konkurrenzstruktur eingebettet ist und das andere in einer auf Inklusion basierenden Kooperationsstruktur. Dieser Unterschied ist wesentlich und wird im letzten Kapitel dieses Textreihenteils, → Verhältnis von Geld und Trava , näher dargestellt.

1.2 Es entsteht ein Leistungsprinzip: Wer viel für die Bedürfnisbefriedigung anderer leistet, soll tendenziell auch viel von anderen zurückbekommen. In einer Gesellschaft mit dem Ideal der Freiwilligkeit ist das problematisch, allerdings kann diese Gesellschaft nicht entstehen, wenn nicht tatsächlich auch etwas geleistet wird. Die Trava dient hierbei als Motivation. Dass über die Trava Leistung gewürdigt werden kann, ist nicht das Problem, sondern der Grund für die Einführung der Trava. Das Problem beginnt erst, wenn die Wichtigkeit der Trava nicht mit einer Verbreitung dieser Form der Gesellschaftlichkeit zurückgehen würde. Der im Ausdehnungsdrang moderner Commons (Kapitel „Dominanzwechsel 1: Effizienz des Commonings) erarbeiteten Theorie nach allerdings, geht die Wichtigkeit der Transformationsvariablen (Trava) unbedingt mit der Ausbreitung des Commonings zurück. Da durch den Prozess des ununterbrochenen Commonings die Menge an ausschließlich zur direkten Bedürfnisbefriedigung bestimmten Mittel zunimmt, welche dem Bedarf einer Commons-Struktur auch zunehmend besser entsprechen, nimmt damit die Effizienz des Commonings an sich ebenfalls stetig zu. Das heißt, dass mit immer weniger Aufwand immer mehr Bedürfnisse befriedigt werden können – sprich, es auch immer leichter wird, die Bedürfnisse von denjenigen mit geringer Trava einzuschließen.

1.3 Es entsteht eine Ungleichheit zwischen denen, die mehr und denen, die weniger leisten können. Hierbei geht es nicht um die jeweiligen Lebensumstände, sondern die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit an sich. Das ist eines der Probleme, weswegen ein Umverteilungsprozess notwendig ist und die Übertragung der Trava nicht direkt zwischen der tätigen Person und der Person mit einem befriedigten Bedürfnis geschieht.

1.4 Es entsteht eine Ungleichheit zwischen Software-vermittelten und nicht-Software-vermittelten Tätigkeiten: Hierbei wird sich auf Tätigkeiten bezogen, welche sich dem Commoning zuordnen lassen, und tatsächlich ist das ein schwerwiegendes Problem. Ein Fehlschluss wäre der Gedanke, dass diejenigen, welche ihre Tätigkeiten nicht über die Software vermitteln, auch alle ihre Bedürfnisse im nicht-Software-vermittelten Raum erfüllen können bzw. hier einen entsprechenden Ausgleich durch etwa interpersonal vermittelte Anerkennung finden. Es ist möglich, dass in einigen Situationen eine Commons-vermittelte Bedürfnisbefriedigung nur über den Umweg der Softwarevermittlung möglich ist, weswegen der strukturelle Ausschluss von Personen, die ihre Tätigkeiten nicht über die Software vermitteln, problematisch ist. Der Umverteilungsprozess soll die Möglichkeit bieten, sich diesem Problem bewusst anzunehmen und es aufzulösen oder zumindest abzumildern.

Das Problem einer nur direkten Trava-Übertragung, welches den Umverteilungsprozess notwendig macht, ist daher die Ungleichheit zwischen denen, die mehr und denen, die weniger leisten können und außerdem zwischen denen, die ihre Tätigkeiten über die Software vermitteln und denen, die das nicht tun. Selbstverständlich können Personen dabei auch von beiden Ungleichheiten betroffen sein.

2. Wer wird in der Verteilung einbezogen und wer nicht?

Die Software für ununterbrochenes Commoning ist kein vollständiges Gesellschaftssystem – es ist ein Werkzeug, um Commoning zu unterstützen bzw. komplexe Re-Produktionsprozesse nach Commons-Prinzipien zu ermöglichen. Und schauen wir zurück zu den acht Designprinzipien für langlebige Commons-Institutionen von Elinor Ostrom, dann gibt es dort „klar definierte Grenzen, wer oder was zu einem Commons gehört“ (1. Prinzip) und es gibt einen „Zusammenhang zwischen Aneignung und Bereitstellung“ (2. Prinzip) (Alle Prinzipien in Helfrich/Bollier, Fair, Frei, Lebendig , S. 317-318), aber keinen Ansatz davon, dass prinzipiell jede Person, die mit dieser Commons-Institution in irgendeiner Verbindung steht, dort allerdings nichts beiträgt, auch an den Resultaten der darin eingeschlossenen Tätigkeiten teilhaben kann. Wird ununterbrochenes Commoning als eine solche Commons-Institution betrachtet, dann wäre der Anspruch, dass die eigenen Bedürfnisse mit einbezogen werden sollen, wenn die eventuell eigenen Tätigkeiten diese Vermittlungsform auch nicht betreffen, ein neuer Anspruch. Da im ununterbrochenen Commoning allerdings mit den Grenzen traditioneller Commons gebrochen wird, kann es ein gerechtfertigter Anspruch sein. Im Gegensatz zu anderen Werkzeugen und Methoden Commoning zu betreiben jedenfalls, entsteht durch das ununterbrochene Commoning überhaupt die Möglichkeit auch die Bedürfnisse solcher Unbeteiligter einzubeziehen, die kein Teil eines festen, interpersonalen Zusammenhangs sind, deren Bedürfnisse also oft vergessen bzw. durch die Grenzen des interpersonalen Raums ignoriert werden.

Wer wird also in die Vermittlung einbezogen und wer nicht? Ganz einfach: Wir, die wir die Software konzipieren und entwickeln, haben das nicht zu entscheiden. Die Entscheidung muss bei den Beteiligten liegen und das damit nicht allgemein und alle betreffend, sondern die Entscheidung muss in den jeweiligen Situationen, Kontexten und Umgebungen immer wieder neu diskutiert und gesetzt werden können. Es sind die Beteiligten in einer bestimmten und damit auch abgegrenzten Umgebung, die darüber entscheiden, wer in die Verteilung mit einbezogen wird und wer nicht. Für sie muss es sich richtig anfühlen; sie müssen entscheiden, was tragbar ist und was nicht. Und sie müssen Personen in diesen Kreis einschließen können, die, unabhängig von der Softwarevermittlung, schließlich auf Augenhöhe an solchen Entscheidungen beteiligt sind und es muss möglich sein, Personen auszuschließen, welche (mehrfach) gegen festgelegte Regeln verstoßen (→Sanktionen). Und wenn die Beteiligten einer bestimmten lokalen Umgebung dann sagen: „Wir wollen, dass die gesamte durch Tätigkeit gewonnene Trava gleichmäßig und der entsprechenden Bedürftigkeit nach an all diejenigen verteilt wird, die einen Anspruch darauf erheben“, dann muss die Software diese Entscheidung unterstützen. Wenn sie sagen: „Es wird hier zu wenig getan, also müssen wir die Motivation dafür erhöhen, tätig zu werden“, dann muss diese Gruppe einstellen können, dass das gesamte Gewicht einer Tätigkeit auf bis zu alleinig diejenigen Personen übertragen wird, die sich diesen Tätigkeiten annehmen. Und wenn sie sagen, dass sie immer wieder aufs Neue zusammenkommen wollen, um die Trava den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend bewusst zu verteilen, dann muss die Software das genauso ermöglichen.

3. Wie kann der Umverteilungsprozess aussehen, damit solche Entscheidungen ermöglicht werden?

Die Trava, welche aus dem Gewicht der abgeschlossenen Tätigkeit gewonnen wird, zerfällt hierfür in drei Teile variabler Größe.

3. 1 Individueller Vorteil: Ein Teil der Trava wird direkt der Person zugeschrieben, welche die Tätigkeit erfolgreich abgeschlossen hat.

3.2 Trava-Pool: Ein zweiter Teil der Trava wird einem lokalen Trava-Pool hinzugefügt und kann vor dort aus durch einen bewussten, interpersonalen Prozess aufgeteilt werden. Der hauptsächlich zu diesem Zweck entstehende interpersonale Zusammenhang wird folgend als „Umverteilungsrunde“ bezeichnet. Auch wenn Regelsetzungen sich davon unterscheiden können, wird die Teilnahme an solchen Umverteilungsrunden im weiteren Textverlauf als freiwillig, aber offen für alle im jeweiligen Gebiet ansässigen Personen angenommen. Die Entscheidungsberechtigung selbst kann dabei allerdings eingeschränkt sein (siehe den vorhergehenden Abschnitt 2.)

3.3 Automatische Verteilung an alle dafür Berechtigten: Ein Teil des Gewichtes einer abgeschlossenen Tätigkeit wird an alle dazu Berechtigten im lokalen Umfeld verteilt – gleichermaßen, aber gewichtet durch den Grad ihrer Bedürftigkeit. Wer berechtigt ist und wer nicht, genauso wie der Grad der Bedürftigkeit, kann über den interpersonalen Prozess der Umverteilungsrunden festgelegt werden.

Anmerkung: Es ist dabei sehr gut möglich, dass sich diese Dreiteilung während der Entwicklung oder Anwendung als problematisch herausstellt und bessere Lösungen gefunden werden. Es handelt sich hierbei nicht um feste Vorgaben. Verbesserungsvorschläge und Kritik sind weiterhin auch während der Ausarbeitung jederzeit willkommen.

 

 

4. Welche Aufgaben liegen bei einer Umverteilungsrunde?

Erster Zweck der Umverteilungsrunden ist eine direkte Wertschätzung fürsorglicher Tätigkeit zu erhalten (auch, nicht nur, in Form von Trava). Hierbei soll es nicht wesentlich sein, ob diese Tätigkeiten über die Software vermittelt wurden oder nicht. Während dabei über die Software vermittelte Tätigkeiten und die Summe ihres Gewichtes für alle sichtbar gemacht werden kann, müssen anders vermittelte Tätigkeiten erzählt oder andersartig durchsichtig gemacht werden. Der weitere Zweck ist schließlich die Feststellung der unterschiedlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten, damit Möglichkeiten gefunden werden können, als Gemeinschaft diese zu berücksichtigen. Soweit es an dieser Stelle ersichtlich ist, hat eine Umverteilungsrunde im Bezug auf die Trava daher bis zu fünf Aufgaben:

4.1 Die Umverteilung der Trava im lokalen Trava-Pool an (1) individuelle Bedürfnisse von Personen in den Grenzen des Umverteilungsgebietes, (2) an Projekte (→ Manuelle Konfiguration / Projektplanung ) und (3) an andere Trava-Pools mit etwa einem höheren Anteil an von der Trava-Vermittlung benachteiligten Personen. Die Umverteilung erfolgt dabei nur durch die entscheidungsberechtigten, teilnehmenden Personen: Besondere Bedürfnisse sollen hierdurch auf zwischenmenschlicher Ebene wahrgenommen werden können. Besondere Anstrengungen sollen Resonanz erfahren und gewürdigt werden können. Gemeinsame Ziele und Projekte sollen diskutiert werden können. Es geht also um die Bearbeitung all der Momente, welche im transpersonal vermittelten Commoning nicht möglich sind.

4.2 Die Regelung des Verhältnisses zwischen (1) individuellem Vorteil, (2) bewusster Umverteilung durch den Trava-Pool und (3) automatischer Verteilung an alle dafür Berechtigten. Wichtig hierbei ist, dass Regeländerungen in Übereinstimmung mit allen davon Betroffenen geschehen. Wird der Anteil des individuellen Vorteils bei der Trava-Gewinnung verändert, betrifft das auch alle Beteiligten im jeweiligen Gebiet, die nicht an Umverteilungsrunden teilnehmen (wollen bzw. können). Wird der Anteil der automatischen Verteilung geändert, betrifft das sogar nicht nur alle Beteiligten, sondern alle Berechtigten im Gebiet. Das heißt damit nicht, dass solche Entscheidungen nicht in Umverteilungsrunden getroffen werden können, aber alle davon Betroffenen müssen 1. in Kenntnis davon gesetzt werden, dass diese Verhältnisse zur Diskussion gestellt werden und 2. brauchen Betroffene auch die Möglichkeit, an solchen Entscheidungsfindungen mitzuwirken, wenn sie selbst an Umverteilungsrunden nicht teilnehmen. Es darf keine Instanz entstehen, die über den Köpfen von Betroffenen hinweg Entscheidungen trifft.

4.3 Feststellung des Bedürftigkeitsgrades. Während in der Umverteilungsrunde die Trava bewusst nach Bedürfnissen bzw. Bedürftigkeit aufgeteilt werden kann, geschieht die Übertragung der Trava sowohl für den individuellen Vorteil, wie auch bei der automatischen Umverteilung mit sofortiger Wirkung. Über die Einstellung des Bedürftigkeitsgrades kann dabei etwa der individuelle Vorteil eigener Tätigkeiten höher ausfallen, wenn die entsprechende Person körperlich oder geistig beeinträchtigt ist. Oder der Anteil bei der automatischen Verteilung kann höher sein, wenn jemand gerade dabei ist, Kinder zu erziehen und somit in der eigenen Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist. Der Bedürftigkeitsgrad im Umverteilungsprozess ist damit etwas anderes als etwa der Grad einer Behinderung, welcher von einer allgemeingültigen Instanz festgestellt wird. Der Bedürftigkeitsgrad entsteht aus einem bewussten interpersonalen Prozess heraus und zeigt, wie die Personen im jeweiligen lokalen Umfeld mit individuellen Beeinträchtigungen umgehen. Er ist ein Faktor, welcher durch die Umverteilungsrunde bestimmt und einer Person zugeschrieben wird, wodurch der Re-Produktionsprozess in deren Richtung gelenkt wird.

4.4 Verifikation des Aufwandes von Tätigkeiten. Bisher nicht angesprochen ist die Möglichkeit von Umverteilungsrunden den Aufwand von Tätigkeitsmustern zu diskutieren und verifizieren, und damit eine Problematik abzumildern, welche im Kapitel → Aufwandsbestimmung noch näher diskutiert werden wird. Die Verantwortung über die Richtigkeit der Angabe wird hierbei auf das Kollektiv gehoben, welches zwar über die automatische Umverteilung immer noch einen jeweils eigenen individuellen Vorteil von der Höhe des Gewichts einer Tätigkeit hat, welche eine Person aus ihrem Gebiet durchführt, aber dieser Vorteil ist 1. wesentlich schwächer und 2. dem Verantwortungsgefühl der Gruppe unterworfen.

4.5 Verifikation von Beteiligten: Ebenfalls bisher nicht angesprochen ist die Problematik von Doppel- und Fakeaccounts bzw. die Möglichkeit, die Vermittlungsform zu manipulieren. Die Verifikation durch die Teilnehmenden von Umverteilungsrunden kann eine Möglichkeit sein, diese Problematik abzumildern. Im Kapitel → Verifikation und Vertrauensnetzwerk wird näher darauf eingegangen.

5. Konsequenzen des Umverteilungsprozesses für die Softwarestruktur

Die erst Konsequenz aus dem vorgestellten Prinzip bedeutet: Grenzen. Für einen Umverteilungsprozess mit lokalen Regelungen und einem lokalen Trava-Pool muss klar definiert sein, wen diese Regeln betreffen bzw. wer mit diesem Trava-Pool verbunden ist. Die nächste Konsequenz ist: Die Software muss – in durch die Umverteilungsrunde regelbaren Abständen – daran erinnern, solche Runden einzuberufen und alle davon Betroffenen Personen benachrichtigen. Die Trava-Aufteilung muss schließlich den Entscheidungen einer Umverteilungsrunde nach konfiguriert werden können und sämtliche Personen benachrichtigen, welche von Änderungen betroffen sind. Selbstverständlich braucht es schließlich auch Funktionen, um den Trava-Pool durch die Umverteilungsrunde verteilen zu können – sowohl an bestimmte Bedürfnisse einzelner Personen, an das Gewicht einzelner Personen, an Projekte und an andere Trava-Pools. Die Software muss besprochene und in den Umverteilungsrunden gesetzte Regelungen festhalten können, welche diese Verteilung betreffen.

Um Übersicht und einen eigenen Bezug zum jeweiligen Trava-Pool und den gesetzten Regeln bewahren zu können, erscheint es sinnvoll, dass die Personenzahl innerhalb gesetzter Grenzen begrenzt ist bzw. begrenzt werden kann. Eine Grenze kann dabei eine ganze Stadt einschließen, wenn nur wenige Personen in dieser Stadt über die Software miteinander in Beziehung treten. Falls die Personenzahl wachsen sollte, muss es möglich sein, ein Gebiet immer wieder in kleinere Segmente aufzuteilen. In solchen Prozessen müssen Regeln festgelegt werden können: Etwa, ob sich bei einer Aufteilung die durch Tätigkeit gewonnene Trava zukünftig gleichermaßen auf beide Pools verteilt und nur die Umverteilung eigenständig geregelt wird, oder die Trava-Pools regulär unabhängig voneinander gefüllt werden. Und nimmt die Anzahl der Teilnehmenden dagegen ab, müssen sich Gebiete wieder mit der Möglichkeit entsprechender Regelsetzungen vereinen lassen können.

6. Zu unserer Aufgabe in Entwicklung und Konzeption

In der Entwicklung und Konzeption besteht immer wieder die Gefahr, dass Anwender:innen bestimmte Handlungen vorgegeben werden und sich damit die Selbstbestimmung verringert. Das muss unbedingt und soweit wie möglich vermieden werden. Dagegen sollte versucht werden, sämtliche grundlegende Probleme herauszustellen und entsprechende Werkzeuge anzubieten, welche Anwender:innen selbstbestimmt nutzen können, um vorhersehbare Probleme zu lösen. Es geht weiter darum, eine Vermittlungsform zu konstruieren, die dort ansetzt, wo direkte zwischenmenschliche Beziehungen aufhören, um auch hier die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Software muss daher Übersicht verschaffen können und den Re-Produktionsprozess, nicht die daran beteiligten Menschen, durchsichtig machen.

Die Umverteilungsrunden spielen sich an der Grenze dieser Vorgaben ab. Durch sie wird der Rahmen einer sozialen Praktik angedacht, von welcher die Funktion der Software selbst abhängig ist. In ihnen geht es auch darum, durchsichtig zu machen, was wer getan hat, allerdings nicht um die Beteiligten zu durchleuchten, sondern die Grenze zwischen Software- und nicht-Software-vermittelten Tätigkeiten bzw. den direkten zwischenmenschlichen und den nicht-direkten zwischenmenschlichen Beziehungen aufzulösen. Vielleicht ist es eine Täuschung und vielleicht gibt es Möglichkeiten, welche Selbstbestimmung noch besser unterstützen, doch bisher scheint eine solche Brücke zwischen transpersonaler Softwarevermittlung und dem interpersonalen Raum unabdingbar zu sein.

Verhältnis zwischen Geld und Trava

Sowohl Geld als auch Trava sind Zahlengrößen, durch welche ein Richtung vorgegeben wird, wie einander oft unbekannte Personen miteinander interagieren. Beides miteinander gleichzusetzen liegt nahe, ist jedoch bei näherer Betrachtung weder haltbar noch konstruktiv. Folgend wird sich mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden näher auseinander gesetzt.

Gemeinsamkeiten: Sowohl Geld als auch Trava sind rein quantitative Größen, können also als Zahl angegeben werden. Beide verhelfen den Teilnehmenden der jeweiligen Gesellschaftlichkeit ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Über beide werden bestimmte Handlungsmöglichkeiten nahe gelegt, beide bestimmen eine gesellschaftliche Bewegungstendenz. Über beide kann eine Kalkulationsrationalität entstehen und beide treten als zweiter Charakter eines konkreten Phänomens auf: Das Geld als Wertcharakter von Dingen, die Trava als Gewichtscharakter von Tätigkeiten. Beides ist zum Teil eine Anerkennung von Leistung.

Unterschiede: Während Kapital die Bewegung von Geld zu mehr Geld ist und durch die Arbeitskraft als Ware ermöglicht wird, scheint eine Bewegung von Trava zu mehr Trava nicht möglich zu sein. Die Verselbstständigung der Geldvermittlung – und damit ihr Auftreten als scheinbare Macht, der sich Menschen unterordnen müssen – kann in der Vermittlung über Trava nicht geschehen. Geld ist dabei eine allgemeine Verfügungsmacht: je mehr Geld eine Person hat, desto mehr Bedürfnisse kann sie sich befriedigen. Die Trava ist dagegen eine Nahelegung – je höher ein Bedürfnis gewichtet ist, desto wahrscheinlicher ist dessen Befriedigung. Geld repräsentiert dabei die Getrenntheit der Dinge durch privates Eigentum. Geld setzt die Dinge am Markt gleich und als Vermittlungsform des Marktes ist Geld das Konkurrenzprinzip per se. Trava dagegen steht außerhalb des Eigentumsprinzips. Über Trava werden Bedürfnisse gleichgesetzt und Trava unterstützt eine unbegrenzte Kooperation auf Augenhöhe zu deren Befriedigung. In Bezug auf Geld schreiben Helfrich und Bollier: „Wenn Sorgearbeit einer Kalkulationsrationalität unterworfen wird, verliert sie ihren (für-)sorgenden Charakter“ ( FFF , S.163). Die Kalkulationsrationalität im Bezug auf Trava dagegen fördert die Effizienz zur Befriedigung möglichst vieler Bedürfnisse und hierdurch verliert sich auch auf transpersonaler Ebene der (für-)sorgende Charakter nicht. Geld in seiner Bewegung als Kapital muss sich in sämtliche gesellschaftliche Sphären ausdehnen und ordnet sich in dieser Bewegung das menschliche Leben unter, macht ein menschliches Leben ohne Verfügung über Geld immer unmöglicher. Im Wert eines Dinges steckt dabei der Aufwand als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Das Prinzip der Trava ist dagegen die Befreiung von Eigentum und damit der Befreiung von der Möglichkeit, Menschen von den Quellen ihrer Bedürfnisbefriedigung strukturell auszugrenzen. An einem durch den Prozess des Commonings gefertigten Produkt hängt keine Trava – welcher Aufwand zur Produktion notwendig war, ist ab seiner Fertigstellung nicht ablesbar und in seiner Verwendung nicht relevant. Die Trava ist eine Prozessvariable. Sie tritt im Prozess der Verfügbarmachung von Dingen auf, wenn tendenziell unbekannte Personen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung tätig sind und verschwindet, wenn der Grund ihrer Tätigkeit nicht länger gegeben ist. Die Berechtigung über die Verwendung von Mitteln folgt einem sozialen Prozess, in welchem die Trava nicht involviert ist. Sie unterstützt das Commoning in seiner Ausdehnung, während sich ihre Wichtigkeit in dieser Bewegung verliert.

Bei allen Gemeinsamkeiten und Unterschieden, eine letzte Anmerkung: Trava unterstützt die Gewohnheit. Sie ist weitgehend verständlich für Menschen, für die Geld und Lohn normal ist. Die nicht aus einem Idealismus heraus Commoning betreiben, die nicht die gesellschaftlichen Strukturen verstehen, welche sich durch das ununterbrochene Commoning ergeben können, die schlicht zum eigenen Vorteil über die Software vermittelt tätig werden. Und am Ende des Tages geht es genau darum: Ein Werkzeug zu erschaffen, das keine theoretische Bildung voraussetzt und dessen Anwendung Selbstbestimmung ohne Rückgriff auf Geld fördert. Und mit welcher Intention es benutzt wird, spielt keine Rolle in der Ausdehnung seiner Logik, in der Erweiterung der allgemeinen Handlungsfähigkeit hierdurch und schließlich: In der Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise.