Aufwandsfrage

Was bedeutet Aufwand eines Tätigkeitsmusters?

Die Diskussion hat im Thread zur Textreihe Teil 4 begonnen.

Ich probiere mal, ob wir diese Diskussion parallel führen können. Nochmal vorweg: Was ist die Frage, die es zu klären gilt? So wie ich es verstehe, brauchen wir eine Zahl, die den Aufwand einer Tätigkeit angibt. Die Einheit ist nicht wichtig, die Zahlen sollen nur relativ zueinander Sinn ergeben. Die Zahl sollte mit dem Tätigkeitsmuster verknüpft sein und von dort für jede Tätigkeit übernommen werden. Ich hoffe, dass das so weit Konsens ist.

Es würde mich überraschen, wenn wir allgemein und dauerhaft gültig eine Berechnungsvorschrift für den Aufwand einer Tätigkeit aufstellen könnten. Es gibt viele Kriterien, die da reinspielen könnten: Die Zeitdauer, wie (körperlich oder geistig) anstrengend etwas ist, ob es Gefahren gibt, ob es Spaß macht, und Vieles mehr. Spätestens beim Spaß merken wir, dass es auch eine persönliche Komponente beim Aufwand gibt. Also nicht jeder Mensch nimmt den Aufwand gleich wahr (sogar sehr unterschiedlich). Da sich dieser Teil des Aufwands aber nicht allgemein mit dem Muster ablegen lässt und auch viel mit Fähigkeiten (internalisierte Muster) zu tun hat, möchte ich das hier zunächst weglassen.

Wenn es also keine allgemeine Berechnungsvorschrift geben kann, dann können wir nur ein System anbieten, mit welchem der Aufwand berechnet werden kann. Dieses System kann dann in verschiedenen Umgebungen und zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Ausprägungen existieren. So könnte es aussehen:

  • Es lassen sich Aufwandskriterien definieren. Jedes Kriterium hat einen erlaubten Wertebereich (Zahlen von - bis).
  • Mehrere Kriterien können zusammen genommen, jeweils mit einem Faktor multipliziert und aufsummiert werden. Das Ergebnis gibt den Aufwand bezogen auf diesen Satz von Kriterien an.
  • Ein solcher Satz von Kriterien kann (mit den Faktoren) festgehalten und wiederholt verwendet werden. Typischerweise wird er sich nur selten ändern.
  • Nach Abschluss einer Tätigkeit bewertet der/die Durchführende nun den Aufwand nach diesem Satz von Kriterien.
  • Nach mehreren Bewertungen ergibt sich ein Durchschnittswert.

Da mir das nun schon ganz schön umfangreich scheint, würde ich hier zunächst mit meiner Beschreibung aufhören und noch auf ein paar Fragen eingehen, die sich mir gleich gestellt haben.

Angenommen, ich bekomme Trava-Punkte nach dem Aufwand. Warum sollte ich nicht immer eine maximale Bewertung abgeben damit ich maximal viele Punkte bekomme? Klar, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich ja das Muster bewerte. Wenn ich dem Muster einen hohen Aufwand bescheinige, sage ich damit auch, dass es sich um ein schlechtes Muster handelt. Und schlechte Muster werden nicht verwendet. Es wird immer Ausreißer bei der Bewertung geben, aber daher werden ja auch viele Bewertungen herangezogen. Und da es beide Kräfte gibt, dürfte das System zu einer realistischen Bewertung des Aufwands tendieren.

Das glaube ich noch nicht. Wenn Menschen irgendwo etwas angeben sollen, tragen sie da tendenziell auch gerne Unfug ein. Möglich. Aber steht deshalb in der Wikipedia nur Unfug? Haben wir nicht aus eben solchen großen Projekten gelernt, dass so etwas funktionieren kann? Ich behaupte: Ja. Insbesondere weil es wie oben beschrieben verschiedene Kräfte gibt, die Menschen bei der Bewertung beeinflussen.

Ich bin gespannt auf eure Gedanken. Es gibt noch viel im Detail zu klären. Mich interessiert zunächst, ob aus eurer Sicht etwas grundsätzlich gegen diese Herangehensweise spricht. Und falls ihr ein Beispiel braucht, wie das funktionieren soll, sagt gerne Bescheid.

Schön beschrieben, vielen Dank für die Mühe!

An der Stelle angemerkt: Für mich ist die Aufwandsfrage die relevante Frage, die mir persönlich noch im Weg steht, um daran zu glauben, dass die Software auch wirklich ihren Zweck erfüllt.

Das ist eben das Hauptproblem für mich und es kann sein, dass sich die beiden Kräfte ausgleichen, aber ganz daran glauben kann ich nicht. Ich glaube, der individuelle Vorteil ein Muster einfach „möglichst hoch“ zu bewerten wird eher gesehen als ein „wenn ich den Aufwand hoch bewerte, wird es im Konfigurationsprozess tendenziell seltener vorgeschlagen und ich kann mich dem weniger häufig annehmen“. Ich glaube auf jeden Fall, dass das eine Rolle spielt, aber ob sichs ausgleicht - weiß ich nicht.

Die Frage ist auch: Ist es möglich, spezielle Muster zu entwerfen, die nur konzipiert sind um bei sehr speziellen Bedürfnissen aufzutauchen, die schließlich durch einen selbst (oder Freunde) vermittelt werden, nur um mir so sehr easy einen großen Vorteil zu holen? Also ist es möglich, im kleinen Rahmen über den Entwurf und die Bewertung von Mustern die anderen Beteiligten zu betrügen?

Versteht ihr, was ich meine? Und, @raffael, weil das schon im Thread „Teil 4:…“ Thema war: Bei solchen Überlegungen nehme ich tatsächlich immer ein sehr egoistisches Menschenbild zur Hand. Ich denke einfach, dass wenn es mit diesem Menschenbild funktioniert, dann funktioniert es auch mit allen anderen.

Das wäre auch so mein Stand und hier bräuchten wir wahrscheinlich jemanden, der/die sich mit Umfragen auskennt. Wäre ich super gespannt, wie das am Ende herausgestellt wird, aber die Möglichkeit ist sehr gut. Vielleicht muss die Umfrage dann nicht nach der Tätigkeit ausgefüllt werden, aber wenn ich mir Zeit dafür nehme, dann bekomme ich noch ein paar Punkte extra (das ist echt ein großer Vorteil, wenn es kein Kreislauf ist)

Was ich mir beim vierten Teil noch gedacht habe:

Wenn es einen, ich sage jetzt einfach mal, „interpersonalen Raum“ gibt, dann können manche Problematiken abgemildert werden. Ich muss mich rechtfertigen, bzw. kann es sein, dass ich mich rechtfertigen muss und eventuell sanktioniert werde, wenn ich offensichtlich versuche mir durch die Aufwandsbestimmung einen Vorteil zu verschaffen.

Das ist hauptsächlich inspiriert über Elinor Ostroms Design-Prinzipien für langlebige Commons-Institutionen, von denen ich ja sehr viel halte. Das Zitat bezieht sich daher auch auf Commons-Institutionen, aber lässt sich ja „weiterdenken“:

  1. Monitoring der Nutzer und der Ressource: Es muss ausreichend Kontrolle über Ressourcen geben, um Regelverstößen vorbeugen zu können. Personen, die mit der Überwachung der Ressource und deren Aneignung betraut sind, müssen selbst Nutzer oder den Nutzern rechenschaftspflichtig sein. (Übersetzung von Silke Helfrich, Fair, Frei und Lebendig, 317)

Das heißt: Entweder ein kollektiver Prozess oder wirklich, dass Personen die Aufwandsbestimmung rechenschaftspflichtig überwachen können. Damit würden wir dann natürlich eine ganz neue Ebene aufmachen - was ich okay finde.

(ich komm hier übrigens gerade nicht so hinterher, wie ich gerne würde. Ich hoffe, das unterbricht die Diskussionen nicht zu sehr)

Ich versuche mal zu zeigen, wie ich mir das konkret vorstelle:

1. Tätigkeit durchführen

Wenn ich eine Tätigkeit durchführe, wird mir vorher gesagt, wie hoch der festgelegte Aufwand für die Tätigkeit ist und wie viele Punkte ich daher bekommen werde. Ich kann also mit einer eventuellen Bewertung des Musters meine eigene Punktezahl zumindest für diese Durchführung nicht beeinflussen.

2. Tätigkeitsmuster bewerten

Du hast die Tätigkeit XYZ erfolgreich durchgeführt. Bitte bewerte nun deinen Aufwand. Bitte gib eine möglichst realistische Bewertung ab. Wenn du den Aufwand herunterspielst, bekommen Menschen für die Durchführung des Musters zu wenig Punkte, können sich ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen lassen und damit auch deine Bedürfnisse nicht mehr befriedigen. Wenn du beim Aufwand übertreibst, wird das Muster in Zukunft nicht mehr verwendet werden und andere, eigentlich schlechtere Muster werden diesem Muster vorgezogen - auch du kannst dann keine Tätigkeiten mehr nach diesem Muster ausführen.

  • Wie erschöpft warst du nach Durchführung …? (sehr müde, …, war ok, …, frischer als vorher)
  • Wie lange (in Stunden) hat es gedauert?

Deine Bewertung jetzt Abschicken!

Entscheidender Punkt hierbei: Der Zusammenhang zu den Punkten unter 1. ist überhaupt nicht sichtbar. Die Aufwandszahl kann sich nach der Bewertung ändern und wenn du aufmerksam bist, nimmst du wahr, in welche Richtung deine Bewertung vom Durchschnitt abgewichen ist. Aber du kannst sie nicht mehr ändern. Nur Insider kennen die genaue Berechnungsvorschrift (natürlich darf sie jeder wissen, aber nur die Wenigsten werden sich dafür interessieren).

3. Bewertungen einsehen

Alle Bewertungen können jederzeit eingesehen werden. Evtl. können sie auch diskutiert werden - nicht mit dem Ziel sie zu ändern, sondern herauszufinden, ob jemand mutwillig bescheißt. Und wenn ja, dann gibt es Sanktionierungsmechanismen, einen habe ich im Thread über die Bedürftigkeit vorgeschlagen.

Noch nicht überzeugend genug?

Ich kann nicht beweisen, dass es funktioniert. Was ich noch machen kann ist, mir negative Dynamiken zu durchdenken.

Was passiert denn, wenn einzelne Personen den Aufwand falsch bewerten? Vermutlich wird es (öffentliche) Sanktionen geben, ihre Bedürfnisse werden nicht mehr so gut befriedigt. Das mache ich nicht zweimal.

Und eine Art Verschwörung? Mehrere Leute treiben den Aufwand für mehrere Muster immer weiter in die Höhe? Viele Bewertungskriterien kennen eine Obergrenze. Die Muster unterscheiden sich irgendwann nicht mehr in ihrer (hohen) Aufwandszahl, die Bedürfnisse der Menschen werden vielleicht markiert (auch in tieferen Ebenen). Wenn es soweit sein sollte, werde auch passende Mechanismen gefunden werden, oder?

Bestimmt. Aber das geht ja in Richtung der Verschwörung. Und es werden dann auch parallel andere Muster mit kleinerem Aufwand entwickelt werden, die viel eher verwendet werden.

Wenn das Grundprinzip des Systems zu Inklusion führt, dann wird Betrug im größeren Stil nicht funktionieren.

Wie du es beschreibst, bin ich überzeugt. Ein Fragebogen und vorher den klare Hinweis darauf, dass ein Muster durch die Angabe eines hohen Aufwands abgewertet wird etc. - Wenn es erreicht ist, dass Muster wirklich sehr verbreitet sind, dann sollte das ausreichen.

Das Problem ist vielleicht besonders anfangs - wenn es wirklich einfach sehr viele Muster gibt, die nur in Einzelfällen angewendet werden. Aber das muss jetzt auch nicht unser Problem sein.

Also was es zu tun gibt: Wir brauchen so einen Fragebogen. Ich denke nicht, dass wir geeignet sind, so etwas zu erstellen. Wer könnte dafür geeignet sein? Welcher Studiengang o.ä. würde dazu passen? Ich kann mir auch vorstellen, dass anderswo bestimmt schon versucht wurde, Aufwand zu quantifizieren. Danach könnten wir uns auf die Suche machen.

Finde ich passend. Für mich wäre das der Fragebogen, mit dem wir starten. Die Software muss erlauben, dass der Fragebogen angepasst wird. Und vielleicht sogar, dass mehrere Versionen gleichzeitig existieren. Ich kann mir vorstellen, dass es da beispielsweise kulturell große Unterschiede in den Vorstellungen von „Aufwand“ gibt.

Auf jeden Fall habe ich nicht das Gefühl, dass wir bei diesem Thema „Gott“ spielen dürfen. Es sollte aus meiner Sicht Aufgabe der Community sein, dieses Hilfsmittel stets weiter zu entwickeln. Mechanismen, die diese Weiterentwicklung erlauben, müssen wir ebenfalls finden. Wir können uns da aber sicher gut an anderen großen Gemeinschaftsprojekten orientieren.

Kann ich mich nur anschließen. Wir brauchen eben einen Fragebogen um den Prozess anzustoßen und dann Mechanismen, wie das weiterentwickelt werden kann.

Das könnte auch wirklich ein Problem werden, da der Aufwand eines Tätigkeitsmusters ja allgemeingültig festgelegt werden muss - … würde ich sagen. Muss er das eigentlich? Kann der Aufwand eine lokale Komponente haben, weil etwa auch die klimatischen Bedingungen verschiedene sind? Da der Konfigurationsprozess immer lokal ist, sehe ich nicht, dass es ein Problem wäre, wenn der Aufwand von Tätigkeitsmustern sich lokal unterscheidet, wenn er dort nur jeweils feststeht.

1 Like

Eine andere Möglichkeit, den Aufwand vielleicht nicht allgemein zu benennen, aber die Zahl zu schärfen, wäre der Vergleich. Welche der Tätigkeiten, die ich gemacht habe, finde ich am anstrengensten? Welche am leichtesten? Vielleicht - wage These - würde sich über eine große Anzahl von Menschen, die eine dichte Mustersprache verwenden (eher wenig Muster für eine Vielzahl von Anwendungen) auch ohne Umfrage so ein Aufwandswert ergeben. Und es ist vielleicht sogar weniger zufällig als ein Fragebogen.