Textreihe Teil 3: Aufwandsbestimmung und -differenzierung (Kapitel 1)

Das Anfangskapitel des neuen dritten Teils. Bei der Arbeit daran hat sich für mich herausgestellt, dass es wohl (meiner Meinung nach gerade einzigst) sinnvoll ist, den Aufwand in Momente zu differenzieren, die die Tätigkeit anderer betreffen und solchen, die nur die Person selbst betreffen. Und der einzige Moment, den ich dabei sehe, der andere in ihrer Tätigkeit betrifft ist der zeitliche Aufwand der Tätigkeit, während Anstrengung/individueller Energieverbrauch, Lust und Risiko der Tätigkeit Momente sind, die unabhängig von der Tätigkeit anderer sind. Das betrifft insbesonders wieder unsere Diskussion, @HomoVitalis, da ich ursprünglich sagen wollte: „Es ist relativ, ob hier als Einheit Zeit oder Energie gewählt wird“ - was ich aber gerade nicht mehr sagen kann. Ich würde dementsprechend aber planen, bei Teil 2 und 3 nicht mehr von Aufwand, sondern wirklich von Zeitdauer zu sprechen und die Texte entsprechend umzuschreiben, wenn der Punkt ausdiskutiert ist (und der Gedanke für mich dabei bestehen bleibt). Der eigene Energieverbrauch, Risiko, Lust etc. fallen dann in die Kategorie der zugeschriebenen Anerkennung, welche wie @balkansalat hier vorgeschlagen hat, unbedingt getrennt werden muss von der Größe, mit welcher im Konfigurationsprozess gearbeitet wird. Ich wäre gespannt, Christian, ob du die Argumentation im Kapitel entsprechend der Einheit schlüssig findest.

Bisher sind wir bei lumpigen 16 Seiten angekommen im neuen Textteil und drei Kapitel fehlen noch. Klingt, als sollte man das auftrennen, aber ich glaube, das ist inhaltlich nicht möglich. Hier sind erstmal alle drei Kapitel als pdf und odt:

https://marcusmeindel.files.wordpress.com/2020/07/2020-07-10_03_swk_konfigurationsprozess.odt

Über Rechtschreib- oder Grammatikkorrekturen freu ich mich immer. Entweder im odt oder hier im Forum und dann fett markieren. Über Diskussionen freu ich mich natürlich auch, aber es soll sich natürlich niemand gezwungen fühlen: Wir haben ja alle unser Zeug zu tun.

Soweit.

Aufwandsbestimmung und -differenzierung

Bisher kennen wir, wie einzelne Tätigkeitsmusters – als Fähigkeiten beschrieben – zu komplexeren Tätigkeitsmustern verschachtelt werden können und wir kennen den Rahmen eines Tätigkeitsmusters. Wir wissen, dass eine Tätigkeit verschiedene Mittel zur Ausführung benötigt und mindestens ein Mittel als Resultat daraus hervorgeht bzw. ein Bedürfnis damit befriedigt wird. Wir wissen, dass Tätigkeiten in ihrer Ausführung jeweils eine bestimmte Lokalität haben und die Verfügbarkeit von Mitteln lokal unterschiedlich ist: Verschiedene Tätigkeitsmuster, die dasselbe Resultat zum Zweck haben, können daher selbstverständlich nicht immer gleichermaßen angewendet werden bzw. kann die Anwendung des einen Tätigkeitsmusters einen wesentlich größeren Aufwand als die Anwendung eines anderen Tätigkeitsmusters nach sich ziehen, wenn etwa die notwendigen Mittel erst verfügbar gemacht werden müssen. Das ist schließlich die Frage nach dem → Gesamtaufwand einer Tätigkeit. Bevor wir uns aber dem annehmen können, muss erst eine noch naheliegendere Frage geklärt werden: Was bedeutet Aufwand im ununterbrochenem Commoning?

In der Regel ist es aufwändiger ein Haus zu bauen anstatt einen Tisch zu bauen. Das können wir aus unserer eigenen Erfahrung heraus sagen und als selbstverständlich annehmen; einer Software selbst ist das allerdings nicht klar und nur durch die Menge des Bedarfs kann hierzu auch kein Rückschluss gezogen werden. Um uns einer Gesellschaftlichkeit nach Bedürfnissen und Fähigkeiten weiter anzunähern, müssen wir diesen Aufwand quantisieren , also als Zahlenwert fassen können und so die einzelnen Tätigkeitsmuster von ihrem konkreten Inhalt unabhängig miteinander vergleichbar machen. Nur wenn wir den Aufwand der einzelnen Tätigkeiten kennen, können wir nicht nur den Gesamtaufwand einer Konfiguration errechnen, sondern wir können uns auch über den → Konfigurationsprozess solchen Konfigurationen annähern, die sowohl den Bedürfnissen und Fähigkeiten davon Betroffener entsprechen und als auch insgesamt möglichst unaufwändig und damit in diesem Sinne effizient sind.

Effizienz ist dabei allerdings nicht in allen Momenten des gesellschaftlichen Re-Produktionsprozesses gleichermaßen sinnvoll. Sinnvoll ist Effizienz besonders bei Tätigkeiten zur Verfügbarmachung von Mitteln, wie Transport, Modifikation von Software, Produktionstätigkeiten usw. usf. Problematisch dagegen ist Effizienz bei Tätigkeiten, die unmittelbar auf menschliche Bedürfnisse gerichtet sind. Bei Körperpflege etwa und hier besonders auch, wenn diese Tätigkeit nicht auf sich selbst, sondern auf andere bezogen ist – also im Bereich der Pflege stattfindet. Oder ganz schlichte Tätigkeiten wie das Essen einer bestimmten Speise. Das Kochen – die Verfügbarmachung der Speise – darf effizient sein und wenn es zum Beispiel darum geht, möglichst viele Menschen Nahrung zur Verfügung zu stellen, dann ist das auch sehr sinnvoll. Im Essen selbst aber liegt der Genuss und die Befriedigung des Bedürfnisses selbst – diese Tätigkeiten sollten also unabhängig von ihrem Aufwand betrachtet werden. An dieser Stelle beziehen wir Effizienz also nur auf die Tätigkeiten zur Verfügbarmachung von Mitteln , wenn wir am Ende der Textreihe in der Ausdifferenzierung der → Tätigkeitskategorien uns dem auch noch einmal näher annehmen.

Der Aufwand eines Tätigkeitsmusters bezieht sich dabei einzig und alleine auf den menschlichen Aufwand zur Ausführung der Tätigkeit. Der Aufwand eines einzelnen Tätigkeitsmusters bezieht sich nicht etwa auf die Verfügbarmachung des Bedarfes einschließlich der z.B. elektrischen Energie, welche die Tätigkeit benötigt. Der Aufwand dieser Tätigkeiten wird in deren Tätigkeitsmustern angegeben (falls es denn Tätigkeitsmuster dafür geben sollte) und ist auch dort wieder nichts anderes als: menschlicher Aufwand. In Fragen, welche die Gesellschaft betreffen werden nur die Teile der Natur betrachtet, welche Gesellschaft hervorbringen können, sprich: die Menschen und die nicht-menschliche Natur werden aus dieser Perspektive als getrennt betrachtet.1

Den Aufwand selbst müssen wir dabei wieder differenzieren in den Teil, welcher die gesellschaftliche Kooperation betrifft und den Teil, welcher nur die Person betrifft, welche die Tätigkeit ausführt. Was sind Momente, welche nur die Person selbst betreffen? Körperliche und geistige Anstrengung (individueller Energieaufwand) . Beides ist ein individueller Prozess, der sich nicht auf die Tätigkeiten anderer Personen in der Kooperation auswirkt. Lust zur bzw. Risiko bei der Ausführung der Tätigkeit. Wieder handelt es sich dabei um individuelle, mit Erfahrung verbundene Momente, die wieder unabhängig von der Tätigkeit anderer sind und diese nicht betrifft. Sowohl die Anstrengung als auch der Lust- und Risikofaktor betreffen allerdings die Motivation2 sich einer Tätigkeit anzunehmen und in dieser Motivation liegt der bedeutende Zusammenhang von Individuum und gesellschaftlicher Kooperation, welche erst durch die Motivation der Beteiligten möglich wird. Dieser Zusammenhang muss im ununterbrochenem Commoning allerdings konstruierend hergestellt werden und wirkt sich damit nicht direkt auf die gesellschaftliche Kooperation aus, sondern ist individuell vermittelt (siehe: → zugeschriebene Anerkennung ).

Welcher Aspekt des Aufwandes wirkt sich überhaupt direkt auf die gesellschaftliche Kooperation aus? Einzig die Dauer der Tätigkeit. Wenn etwa die Verfügbarmachung eines bestimmten Mittels viel Zeit in Anspruch nimmt, steht die Kooperation an dieser Stelle still, bis die Tätigkeit zu einem Ende gekommen ist. Und wenn die Kooperation still steht bzw. je länger die Kooperation dauert, desto länger dauert der Prozess zur Befriedigung des vermittelten Bedürfnisses . Und wenn das auch nicht das einzige ist, worum es geht, ist das doch ein wesentliches Moment, damit sich ununterbrochenes Commoning auch tatsächlich etablieren und als wirkliche Alternative zum Markt entwickeln kann.

Was wir also an dieser Stelle und mit Hinblick auf den Konfigurationsprozess suchen ist die durchschnittliche Dauer einer Tätigkeit und diese muss allgemeine Gültigkeit innerhalb eines bestimmtes lokalen Raumes haben. Durchschnittlich , da sie unabhängig von individuellen Fähigkeiten und der wechselnd intensiven Ausführung sein soll. Allgemeingültig , da über sie verschiedene Tätigkeiten miteinander in Beziehung gesetzt werden und anhand dieses Vergleichs im Konfigurationsprozess freigeschalte t werden. Mögliche Unterschiedlichkeit im lokalen Raum durch verschiedene klimatische Bedingungen etc., welche die unterschiedlichen Tätigkeiten dort allgemeingültig erschweren oder erleichtern.

Was wir also zuerst einmal benötigen, ist die Zeitdauer einer Tätigkeit unter der Voraussetzung, dass alle notwendigen Mittel der ausführenden Person direkt zur Verfügung stehen – also unabhängig von der Zeitdauer, in der diese Person die Mittel etwa abholt oder Maschinen/Werkzeuge einrichtet, insofern diese Tätigkeiten nicht im Tätigkeitsmuster enthalten sind. Es gilt einzig und allein den im Tätigkeitsmuster beschriebenen Prozess zu messen und daraus einen Durchschnittswert zu ermitteln. Durch die Trennung von Zeitdauer und zugeschriebener Anerkennung und durch die Arbeit mit Durchschnittswerten sollte sich das Problem auch stark verringern, dass die Zeitdauer von Tätigkeiten länger angegeben wird, als sie eigentlich benötigen, um damit einen individuellen Vorteil zu gewinnen. Die durchschnittliche Dauer der Tätigkeit sollte sich also relativ leicht herausstellen lassen, indem die Beteiligten schlicht über die App gefragt werden, nachdem das Resultat zur Zufriedenheit der empfangenden Person weitergegeben wurde. Je nachdem, um welche Art der Tätigkeit es sich handelt und wie sich diese zwischen andere Tätigkeiten eingliedert – also ob es zum Beispiel eine Teilaufgabe am Fließband oder eine Form der Feldarbeit ist – ist es unterschiedlich relevant, wie exakt diese zeitliche Dauer gemessen werden muss. Oft können Schätzwerte wohl vollkommen ausreichend sein.

 

1 Siehe auch Marx im ersten Band seines Kapitals: „Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst , ihr Gegenstand (Resultat, M.M.) und ihr Mittel (Bedarf, M.M.)“, MEW23, S.192. Daraus schließt sich – wenn es sich nicht von selbst ergeben sollte -, dass der Mensch in seiner gesellschaftlichen Tätigkeit von den ihn umgebenden Mitteln isoliert betrachtet werden muss.

2 Der Begriff der Motivation bezieht sich auf Meretz/Sutterlütti: „Die Motivation ist eine zukunftsbezogene Wertung. Sie bewertet zukünftige Resultate heutiger Handlungen, in dem sie angestrebte positive Veränderungen der Lebensqualität mit den damit verbundenen Anstrengungen und Risiken ins Verhältnis setzt“ (M/S, Kapitalismus aufheben , S.130). Meretz und Sutterlütti beziehen sich dabei selbst auf die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp.

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