Werte und Selbstverständnis

Welche Werte vertreten wir? Hier können wir ein Selbstverständnis entwickeln.

Diskussion gerne unter diesem Beitrag und bei Bedarf auch live. Ergebnisse können wir dann hier zusammentragen.

Hier einige Beispiele für Textfragmente:

  • „… fördert die Bildung, die nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung, die Vermittlung von ökologischen Zusammenhängen sowie die Verbreitung, Stärkung und Festigung demokratischer und emanzipatorischer Prinzipien. Unsere Ziele verwirklichen wir durch …“
  • „… ist ein auf Kooperation, Toleranz, Weltoffenheit und ökologische Nachhaltigkeit zielender gemeinnütziger … . Wir bieten der Gesellschaft progressive Alternativen an und fördern ihre konkrete Umsetzung. Dazu werden verschiedene Methoden genutzt, …“
  • " Wir unterstützen alle Bewegungen mit emanzipatorischem Charakter. Ansätzen, die Ausgrenzung und Unterdrückung fördern, möchten wir kein Zuhause geben."

Ich glaube, das ist eine ähnliche Fragestellung, wie ich sie schonmal hatte. Mir ging es damals darum, wie wir es hinbekommen, dass im Projekt und besonders in den Mittwochs-Meetings möglichst auf Dauer keine Leute dabei sind, die nicht selbst Aktivist:innen sind bzw. sich konstruktiv einbringen. Da hatte ich einfach Angst, dass unser sehr konstruktiver Prozess, den wir ja haben, erlahmen kann und wir keine Mechanismen haben, um im Problemfall das möglichst unabhängig von persönlichen Beziehungen klären zu können. Ich hab das damals nicht weiter verfolgt, auch wenn du @balkansalat angeboten hast, mit mir das weiter zu diskutieren.

Das sehe ich gerade ähnlich, nur eben auf inhaltlicher Ebene und unabhängig vom Aktivismus. Ich versuche die Frage zusammenzufassen, wie ich sie verstehe: Mit welchen Leuten, die welche Weltbilder vertreten, wollen wir zusammen arbeiten und was sind für uns Ausschlusskriterien?

Ich würde das von Anfang an auch differenzieren wollen: 1. Die Leute, die die Software verwenden. Haben wir da ‚Ansprüche‘? 2. Die Leute eben, mit denen wir im Projektteam ‚Global Commoning System‘ direkt zusammenarbeiten. Und 3. vielleicht Freiwillige, die sich irgendwann unabhängig von unseren Meetings etc. mit Beiträgen einbringen.

Für mich ist 1. ganz klar zu beantworten: Ich glaube, es ist die heutige Vermittlungsform und der ständige Konkurrenz-, Wachstums- und Arbeitszwang, der Rassismus, Nationalismus, etc. zumindest stark befördert und durch den Prozess des Commonings können sich - das denke ich zumindest - solche Ansichten abmildern. Für das Ziel einer emanzipatorischen Gesellschaft finde ich daher falsch, Menschen mit nicht-emanzipatorischen Ansichten (Nazis, Islamisten etc.) auszuschließen. Die Vermittlungsform sollte unabhängig von persönlichen Weltbildern sein - alles andere ist wohl auch gar nicht umsetzbar.

Zu 2.: Im Projektteam kann ich mir vorstellen, dass es mich auch etwas abfucken würde, wenn jemand zwar das Projekt gut voranbringt, aber dazwischen immer irgendeinen Mist redet. Und wenn wir uns dann mal offline-Treffen würde ich mich wohl auch weniger drauf freuen, als viel mehr zu denken: „Bah - hoffentlich kann ich der Person irgendwie aus dem Weg gehen“. Aber das ist ja auch mit Menschen aus demselben politischen Spektrum möglich - aber das Politische kann schon strukturell hart nervig sein. Da können wir gerne ein Selbstverständnis aufsetzen, aber von meiner Seite aus, sollte das sehr offen formuliert sein und eben genau das ausdrücken: „Uns als Projektgruppe ist das und das wichtig.“ Und vielleicht auch: „Wenn du selbst mit deiner Gruppe am GCS arbeitest, dann könnt ihr auch ein Haufen Nazis sein, hauptsache ihr helft bei der Umsetzung und bringt euer Weltbild nicht mit dem GCS in Verbindung.“

Das wäre für mich persönlich auch der Moment wo ich sage: Auch ich/wir sollten unser Weltbild möglichst daheim lassen und uns auf die Vermittlungsform als solche konzentrieren - insofern das möglich ist.

Das trifft ja auch 3., die Leute die nicht Teil von unserem Projektteam sind: Da würde ich eben keine Vorgaben machen und ich glaube auch nicht, dass das bei Freier Software überhaupt möglich ist. Eventuell brauchen wir sogar auf Dauer selbst eine größere Distanz zum GCS. Also zu sagen: „Das ist das GCS und wir sind das Projektteam… … … ‚Marie Mustermann‘. Und wir haben uns innerhalb des Projektes dieser und jener Aufgabe angenommen.“

Ist diese Einordnung bisher kritisch? Wenn man sich soweit darauf einigen kann, könnten wir von meiner Seite aus an einem Selbstverständnis für unser Projektteam arbeiten.

Als Inspiration: Selbstverständnis der P.a.G.

http://gegenseitig.blogsport.de/das-neue-selbstverstaendnis-der-pag-2019

Ich denke, ich stimme Dir im Prinzip zu, es ist ja Teil eines Commoning-Prozesses, dass sich auch die beteiligten Menschen verändern.

Nur an dieser Stelle bin ich mir nicht sicher, eine explizite Einladung ist etwas anderes als anzuerkennen, dass ein Ausschluss weder praktikabel noch dem Anspruch ans Commoning gerecht würde, und deswegen nicht auszuschließen (also weder eine explizite Einladung, noch eine explizite Ausladung).

In Freie-Software-Projekten hat übrigens der Contributor Covenant (also etwa Vereinbarung für Beitragende) – quasi als „Minimalkonsens“ – eine gewisse Verbreitung gefunden (den Teil zum Enforcement habe ich unten mal rausgelassen). Und es passt nicht 100% hier rein, weil es sich mehr auf Entwickler*innen bezieht, aber ziemlich cool finde ich auch das Critical Engineering Manifesto.

Contributor Covenant Code of Conduct

Our Pledge

We as members, contributors, and leaders pledge to make participation in our community a harassment-free experience for everyone, regardless of age, body size, visible or invisible disability, ethnicity, sex characteristics, gender identity and expression, level of experience, education, socio-economic status, nationality, personal appearance, race, religion, or sexual identity and orientation.

We pledge to act and interact in ways that contribute to an open, welcoming, diverse, inclusive, and healthy community.

Our Standards

Examples of behavior that contributes to a positive environment for our community include:

  • Demonstrating empathy and kindness toward other people
  • Being respectful of differing opinions, viewpoints, and experiences
  • Giving and gracefully accepting constructive feedback
  • Accepting responsibility and apologizing to those affected by our mistakes, and learning from the experience
  • Focusing on what is best not just for us as individuals, but for the overall community

Examples of unacceptable behavior include:

  • The use of sexualized language or imagery, and sexual attention or advances of any kind
  • Trolling, insulting or derogatory comments, and personal or political attacks
  • Public or private harassment
  • Publishing others’ private information, such as a physical or email address, without their explicit permission
  • Other conduct which could reasonably be considered inappropriate in a professional setting

The Critical Engineering Manifesto

  1. Der Critical Engineer betrachtet Technik als die mit Abstand transformativste Sprache unserer Gegenwart, welche unsere Art zu denken, zu kommunizieren und wie wir uns bewegen einflussreich verändert. Deshalb versteht der Critical Engineer es als Aufgabe, diese Sprache und ihre missbräuchliche Anwendung eingehend zu studieren.

  2. Der Critical Engineer erachtet jede Technologie, welche Abhängigkeit und Hörigkeit vermittelt, zugleich als Herausforderung und Bedrohung. Je größer die Dependenz von Technologie, desto größer das Verlangen, ihr Innenleben ohne Rücksicht auf Inhaberschaft oder gesetzliche Zulässigkeit zu erforschen und zu enthüllen.

  3. Der Critical Engineer schafft das Bewusstsein, dass mit jedem technologischen Fortschritt unser techno-politisches Verständnis herausgefordert wird.

  4. Der Critical Engineer de-konstruiert und entfacht Misstrauen gegenüber üppig-ausgestatteten und täuschenden Benutzererlebnissen.

  5. Der Critical Engineer überwindet die Ehrfurcht vor technischer Implementation mit dem Ziel, ihre Methoden und deren Einflüsse und Eigeneffekte zu determinieren.

  6. Der Critical Engineer erkennt, dass jedes technische Werk seinen Benutzer in proportional wechselseitiger Abhängigkeit manipuliert.

  7. Der Critical Engineer expandiert den Begriff „Maschine“, um Wechselbeziehungen zwischen Geräten, Körpern, Agenten, Kraft- und Netzwerkstrukturen zu beschreiben.

  8. Der Critical Engineer nimmt den Spannungsbogen zwischen Produktion und Konsumtion von Technologie bewusst wahr und reagiert rasch auf seine Veränderungen. Innerhalb dessen werden Momente von Ungleichgewicht und Zuwiderhandlungen vom kritischen Ingenieur benutzt und Täuschungen enttarnt.

  9. Der Critical Engineer blickt zurück auf die Geschichte von Kunst, Architektur, Aktivismus, Philosophie und Erfindung und findet exemplarische Werke des kritischen „Engineering“. Strategien, Ideen und Agenden dieser Disziplinen werden adoptiert, wiederverwendet und eingesetzt.

  10. Der Critical Engineer stellt fest, dass geschriebener Code zunehmend in soziale und psychologische Bereiche vorstößt und dabei das Verhalten sowie die Interaktion von Mensch und Maschine reglementiert. Mit diesem Verständnis versucht der Critical Engineer aufgezwängtes Benutzerverhalten und soziale Prozesse mittels digitaler Archäologie nachzuvollziehen und zu rekonstruieren.

  11. Der Critical Engineer betrachtet den „Exploit“ als die erstrebenswerte Form von Enthüllung.

Ja, das war auch so ein bisschen über’s Ziel hinaus. Das irgendwo hinzuschreiben, wäre natürlich Quatsch :slight_smile:

Mein Ziel war es in erster Linie darauf hinzudeuten, dass Menschen an dem Projekt arbeiten könnten, die wir eigentlich nicht gut finden - müssen ja noch nichtmal klar Nazis sein. Und da wäre dann auch die Frage, ob sich ‚Ideologie‘ irgendwo in der Software findet, die dadurch beeinflusst werden kann. Aber ich denke, das ist keine Frage für jetzt.

Der Contributor Covenant gefällt mir auch. Das ist dezent und es ist ja tatsächlich im Projekt wichtig, sich gegenseitig mit Respekt zu behandeln - das darf gern festgehalten werden. Und das Critical Engineering Manifest gefällt mir auch. Cool, dass es das gibt. Aber ich denke auch, das ist eine Sache der individuellen Entwickler und Entwicklerinnen, das für sich anzunehmen oder nicht.